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Die religions-psychologische Grundlage der Feuerbestattung
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Immerhin vernachlässigte man über den himmlischen Heil-mitteln doch auch die irdischen nicht ganz. Mehr und mehrgab man sich Mühe, den Ursachen der Seuchen und ihrerAnsteckung nachzuspüren, um ihnen nach Möglichkeit vor-zubeugen. Als eine der gefährlichsten Seuchenquellenglaubte man nun aber die von nicht oder schlecht beerdig-ten Leichen ausströmenden Verwesungsdünste ansehen zumüssen. Als im Jahre 1656 unter Papst Alexander VII. diePest in Neapel an einem Tage, wie es hieß, 8000 bis10 000 Menschen dahinraffte, ließ der Papst nichts unver-sucht, ihrem Eindringen in den Kirchenstaat zu wehren 9 ).Mathias Naldi, der Leibarzt des Papstes, gab eine Schriftheraus, die mit der Druckerlaubnis des Dominikaners Rai-mund Capisuccus, Meisters des heiligen apostolischenPalastes, gewappnet und betitelt war:Verhaltungsmaß-regeln wider die Ansteckung 10 )." Überzeugt, daß aus derVerwesung der Leichen eine gefährliche Verderbnis der Luftentstelle, welche die vulgäre, unter dem niederen Volkerasende Pest noch verschärfe und auch in die vornehmenund wohlhabenden Kreise hineintrage, befürwortete Naldieine strenge behördliche Anordnung, die Kadaver nicht zubegraben, sondern zu verbrennen. Komme es doch in Pest-zeiten nur zu oft vor, daß man die Kadaver entweder über-haupt nicht, oder doch nur obenhin und ohne die nötigeSorgfalt begräbt, wie es in solchen Fällen eben zu gehenpflegt, wenn der Ekel, der Schrecken, die Beschäftigung mitanderen Arbeiten, die Unerfahrenheit, die zu große Rück-sicht auf sich selbst und endlich die Verzweiflung erst zurVernachlässigung, dann zur Verschiebung und schließlichzur gänzlichen Unterlassung der Beerdigung der Kadaverführt. Daher ist es besser, die Leute schon gleich von An-fang an zum Entschlüsse abzuhärten, Feuer an die Kadaverzu legen, was um so leichter gehen wird, je mehr sich derSinn nach und nach über die ersten Bedenken hinwegsetztund je weniger er die Sache schwer nimmt, wenn sie erstGemeingut geworden ist. Die anderen Völker müssen diefurchtbare Verheerung betrachten, welche diese Zimper-lichkeit in Neapel und Nettuno angerichtet hat, und über-dies muß man erwägen, daß die Stadt Rom in den erstenJahrhunderten trotz ihrer zahllosen Bevölkerung von dieserSeuche verschont blieb, nur deshalb, weil sie die Kadaververbrannte. Man darf auch nicht für verwerflich halten,was so viele Jahrhunderte lang für ehrenvoll galt, zumal

°) Stick er I, 163 ff, 170 ff.; Sforza Pallavicino,Vita di Alessandro VII, Vol. II. 28 ff, 84 ff, 92 ff, 106 ff.

10 ) Regole per la cura del Contagio di Mattia Naldi, medicoe Camer, Segr. clella Santitä di N. S. Alessandro VII P. M. Roma,Mascardi 1656. Con licentia de' Superiori.

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