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Die religions-psychologische Grundlage der Feuerbestattung
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nis blieb aber den Männern vorbehalten, welche auch, schonder Bedenken Herr geworden waren, die sich der Sektionder Leichen zu wissenschaftlichen Zwecken entgegengestellthatten. Das Mittelalter wollte von einer Sektion der Totennichts wissen; wenn diese nur lebende Leichname waren,Schläfer, die man nicht beschädigen durfte, wie konnteman sie in Stücke zerschneiden? Ausdrücklich verbot daherBonifaz VIII. in seiner schon erwähnten Dekretale vomJahre 1300 kraft apostolischer Autorität aufs strengste,Leichen auszuweichen, in Stücke zu schneiden und glied-weise zu kochen. Zwar befahl Kaiser Friedrich IL denÄrzten von Salerno, auf den Unterricht in der menschlichenAnatomie bedacht zu sein (1224) und verordnete 5 ), daß allefünf Jahre eine Leiche öffentlich seziert werden solle (1258);gleichwohl stand es noch Jahrhunderte an, bis sich dieAnatomie allgemein durchzusetzen vermochte. Mit demSiege der Anatomie war nun aber auch schon der Sieg derFeuerbestattung wenigstens grundsätzlich entschieden.Durfte man einen Toten zerschneiden, so durfte man ihnauch verbrennen; in einem wie im anderen Falle nahm manihn nicht mehr im mittelalterlichen Sinne als lebenden Leich-nam, sondern im neuzeitlichen als bloßen Kadaver, eben alseine Sache. Immerhin währte es noch geraume Zeit, bis sichdiese Auffassung allmählich Bahn brach; Veranlassunghierzu gaben die immer wiederkehrenden Seuchen, welchewie schon im Mittelalter, so auch im 17., 18. und 19. Jahr-hundert die Völker verheerten 0 ).

Gewiß würde man dem Mittelalter mit dem Vorwurfebitter Unrecht tun, der Gesundheitspflege keine Beachtunggeschenkt zu haben; die zahllosen Stiftungen und Anstalten,welche damals zur Heilung und Linderung der verschieden-sten Gebrechen und Leiden aus dem Boden schössen, wür-den laute Einsprache hiergegen erheben 7 ). Und doch istnicht zu bestreiten, daß das, was heutzutage Gegenstandder öffentlichen Hygiene ist, noch nicht im Gesichtsfeldedes mittelalterlichen Menschen lag. Man sah in den mörde-rischen Seuchen Gottes gerechte Strafe für die Sünden derMenschen und nahm daher seine Zuflucht zu Gebeten, Ab-tötungen und guten Werken, durch welche man den Zorn desHimmels zu beschwichtigen hoffte, zu Prozessionen undGeislerzügen, besonders auch zu gewissen Heiligen, vonderen mächtiger Fürsprache man sich kräftige Hilfe ver-sprach; sogar alte Heidengötter kamen wieder zu Ehren 8 ).

6 ).Heinr. H ä s e r, Geschichte der Medizin I 3 , 733.

6 ) Häser IIP, 586 ff., 448 ff.: 592 ff.; Gg. S t i c k e r, Gesch.d. Pest I, 108 ff., 128 ff.. 161 ff., 175 ff., 209 ff., 285 ff.

7 ) HäserP, 849 ff.

8 ) L A. Muratori, Li tre governi in tempo di peste,Lucca 1743. L. III, S. 241 ff.; S ticker II, 400 ff.

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