Druckschrift 
Die religions-psychologische Grundlage der Feuerbestattung
Entstehung
Seite
26
Einzelbild herunterladen
 

Die Feuerbestattung hingegen trägt ihn hinauf ins himm-lische Sonnenland, wo er im Kreise der Götter alle Wonnengenießt und allem Hunger und Durst, aller Nacht und Kälte,aller Not und Schwäche für immer enthoben ist. Unleugbarbedeutet daher die Leichenverbrennung gegenüber dem Be-gräbnisse einen erheblichen religiösen Fortschritt, und soerklärt es sich ungezwungen, daß sie dieses in weitem Um-fange, wenn nicht völlig verdrängen, so doch stark in denHintergrund schieben konnte. Der Kult der Mutter- undErdgottheiten mußte den siegreich vorstürmenden Vater-und Himmelsgöttern weichen, die in der Zeit der Bronze-kultur ihren unaufhaltsamen Triumphzug durch die Länderder Arier feierten. Licht- und Himmelsgötter gab es nichtbloß bei den Indern und Parsen, Griechen und Römern, son-dern auch bei den Kelten und Slawen; in der Bronzezeit lagja auch der Höhepunkt der Verehrung des germanischenHimmelsgottes Tiu 40 ). Überall, wo diese Götter ihr Zepterschwangen, setzte sich auch der Leichenbrand durch. Vonden Ariern, welche sich damit in offenen Gegensatz zu denältesten Kulturvölkern stellten, gehegt und gepflegt, griffer mit der unwiderstehlichen Gewalt einer neuen Religionum sich und stand bald von den Ufern des Ganges undDnjepr bis zu den Gestaden des Atlantischen Ozeansin Übung 41 ).

Nicht als hätte er einen völligen Bruch mit dem her-kömmlichen Begräbnisse herbeigeführt. Im Gegenteil neigteer, wie wir es ja auch bei den primitiven Völkern fanden,ebenso bei den arischen überall dazu, sich mit den altenGedanken und Bräuchen zu verschmelzen und bedeutetedaher auch keine Verleugnung, sondern vielmehr eine Fort-führung und Vervollkommnung der bisherigen Anschau-ungen und Gepflogenheiten 42 ). Nicht nur ein Begrabener,sondern auch ein Verbrannter kann als lebender Leichnamfortbestehen, denn der Mensch existiert, solange auch nurein Restchen von ihm vorhanden ist; der Brand läßt abernicht nur die Asche, sondern auch größere oder kleinereKnochenstücke zurück, welche auch selbst wieder der Bei-setzung bedürfen, so daß man geradezu von einer zwei-stufigen Bestattung sprechen kann 43 ). Wie ins Grab, sofolgen dem Toten Gattin, Knecht, Tier und Waffe ins Feuer,denn was ihm auf den Holzstoß gelegt wird, das begleitet

4 °) Helm b. Nollau 305.

41 ) Sophus Müller, Nordische Altertumskunde I, 370;E b e r t, Prähist. Zeitschr. 1921, 15 f.; S e g e r b. H o o p s, Real-Lex.der germ. Altertumskunde IV, 335; H. Brunnhofe r, Globus 25(1874), 361 f.

42 ) Schrader 66; Mackensen, Zeitschrift f. Ethnologie1923, 47 f.

") v. N e g e 1 e i n 140.

26