die stärkste und wichtigste Eigenschaft des Feuers, daß esden von ihm ergriffenen Gegenstand zu verklären und zuvergeistigen und somit auch den von ihm ergriffenen Totenin die Höhe zu entrücken vermag, in welche es selbst empor-lodert. Die Idee der Transsubstantiation, der Wesenswand-lung durch das Feuer, ist der Menschheit denn auch nichtmehr verloren gegangen und bildet den Ausgangspunkteiner geistigeren Seelenvorstellung 27 ).
Es sind auch keineswegs nur die kulturell so hochstehenden Inder, die mit dem Leichenbrande so hehre Ge-danken verknüpfen. Schon Primitive erblicken in ihm nichtnur eine Vernichtung des Leibes, erkennen vielmehr in ihmeine der Menschen erwiesene Wohltat, eine Einrichtung derGottheit. Den sibirischen Gilyaken gilt eine Urahnin alsBesitzerin des Feuers, welche als guter Geist und als Mitt-lerin zwischen Lebenden und Toten waltet und diese imLeichenbrande zurückerhält 28 ). Die Balten sehen den Totennach der Verbrennung durch das Himmelsgewölbe in diejenseitige Welt einziehen 29 ), und der Russe, in dessen Ge-sellschaft der Araber Ibn Foslan 921 als Gesandter desKalifen von Bagdad weilte, sagte zu seinem Gaste: „IhrAraber seid doch ein dummes Volk! Ihr werft eure liebstenAngehörigen in die Erde, wo sie von den Würmern ge-fressen werden. Wir dagegen verbrennen unsere Ange-hörigen in einem Nu, so daß sie ohne Aufenthalt ins Para-dies gelangen 30 )." Allgemein steht bei den Slawen das Feuerin hohen Ehren. Den Serbokroaten gilt es als heilig unddarf nicht verunreinigt werden; man schwört beim Feuer,wie man bei der Erde schwört, lebendiges Feuer wird zuZwecken der Heilung und Reinigung erzeugt 31 ). Die altenPreußen hegen inmitten des Dorfes das heilige Feuer undhalten mit zäher Beharrlichkeit noch bis in späte Zeit an derLeichenverbrennung fest 32 ). Daß auch in Deutschland heutenoch mannigfache Feuerbräuche im Volke fortleben, ist all-bekannt. Selbst der Gedanke einer durch das Feuer be-wirkten Wesenswandlung ist nicht auf Indien beschränkt.Die alte stoische Philosophie faßt die menschliche Seele baldals Feuer, bald als Hauch oder Rauch auf und nimmt daheran, daß sich die Seele im Leichenbrande in ihr ursprüng-liches Element zurückverwandle und als solches gen Himmel
") v. Ne gelein 79.
28 ) v. Negelein ebd.
29 ) W. C a 1 a n d, D. vorehristl. baltischen Totengebräuche.Ardi. f. Rel.-Wissenschaft. 1914, 476 ff.
30 ) J. Grimm, Kleinere Schriften II, 289 f.
31 ) Buschan, Völkerkunde II, II, 101.
32 ) Ebd. II, II, 24 f.
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