Druckschrift 
Die religions-psychologische Grundlage der Feuerbestattung
Entstehung
Seite
21
Einzelbild herunterladen
 

den Schädel vom Rumpfe trennt oder einen Pfahl durch denLeib in den Boden rammt, so daß er sich nicht mehr zuerheben vermag. Als ganz besonders gefährlich gelten viel-fach Wöchnerinnen und Kindesmörderinnen, selbst kleineKinder 15 ); noch in neuerer Zeit wurden in Pommern Kind-betterinnen sowie ungetauft gestorbene Kinder mittelseines durch ihren Leib getriebenen Pfahles an das Erdreichbefestigt. Weitaus am sichersten glaubte man aber zu gehen,wenn man den unheimlichen Wiedergänger ins Feuer warf;indem man die Leiche verbrannte und in Asche verwan-delte, glaubte man das beste Mittel gefunden zu haben,sich seiner für immer zu entledigen 16 ). So wird nach derLaxdaelasaga Vigahrappr zwar stehend unter der Schwelleseines Hauses begraben, weil er aber umgeht und großenSchaden anrichtet, ausgegraben und verbrannt und dieAsche ins Meer gestreut. Ebenso wird der Grettissaga ge-mäß Glam erst beerdigt, dann aber als bösartiger Wieder-gänger ausgegraben und eingeäschert 1611 ). Ungemein ge-fürchtet sind die Vampyre 17 ), jene unheimlichen Blutsauger,welchen man die Schuld beimißt, wenn beim Ausbrucheeiner Seuche nach dem Tode eines Familiengliedes ver-schiedene andere vom selben Übel dahingerafft werden; umsie unschädlich zu machen, werden auch sie verbrannt. Inabgelegenen Küstendörfern Bulgariens bestand noch vorkurzem die Gepflogenheit, Vampyre durch den Leichen-brand auszurotten 170 ). Eben weil sie die Einäscherung alsMittel zu völliger Vernichtung fürchteten, hielten dieBabylonier, Assyrer und Araber den Gedanken, als Leich-nam verbrannt zu werden, für nicht weniger schrecklich alsdas Los, den Flammen bei lebendigem Leibe zu verfallen 18 ).Die alten Semiten kannten keine furchtbarere Strafe widereinen Toten als die Einäscherung der Leiche, denn wenndas Knochengerüst nicht erhalten war, so konnten demVerstorbenen die Spenden nicht entrichtet werden, nachwelchen er lechzte 19 ).

Man würde jedoch mit der Annahme völlig in die Irregehen, als habe die Einäscherung lediglich der Vernichtunggefürchteter Toten gedient. So sicher sie oft genug zudiesem Behufe vorgenommen wurde, so gewiß ging siedarin nicht auf, wie ja schon der Umstand deutlich genuglehrt, daß einerseits zwar verhaßte, andererseits aber auch

1B ) Seh rader 68.

") Helm a. a. O. 151; v. Negelein 351.

16 *) Seh reu er a. a. O. 372.

17 ) St. Hock, D. Vampyrsagen 29ff."a) Buschan, Völkerkunde II, II, 112.

18 ) v. Negelein 139.

19 ) G. Hölscher, Gesch. d. israel. und jüd. Religion 18;vgl. 1. Mos. 58, 24; 3. Mos. 21, 9; Jos. 7, 15; Apok. 17, 16; 18, 8.

21