Druckschrift 
Die religions-psychologische Grundlage der Feuerbestattung
Entstehung
Seite
13
Einzelbild herunterladen
 

Wenn viele primitive Stämme bei einem Todesfalle dieHütte verlassen, einreißen oder verbrennen und sichanderswo ansiedeln 10 ), so geschieht dies aus Furcht vordem Toten, näherhin im Glauben, die Hütte sei durch denTod tabu geworden und müsse daher eiligst geräumt wer-den, wie sie ja auch im Falle einer Geburt tabu wird 17 )und schleunigst verlassen wird. Doch führt der Tod keines-wegs immer zur Flucht der Hinterbliebenen aus der Hütte,vielmehr bestatten diese den Verstorbenen in seiner bis-herigen Wohnstätte und teilen sie mit ihm, so daß er nachwie vor in ihrer Mitte weilen, ihre Leiden und Freudenmitfühlen und in den nächstgeborenen Kindern zu neuemLeben erstehen kann 18 ). Selbst wenn das Grab außerhalbder Hütte angelegt wird, so bleibt es zunächst doch immernoch in deren nächster Nähe,auf daß der Tote seine An-gehörigen leicht besuchen könne 19 )". Auf Tahiti ließ mandie Leichefrüher, in der Zeit der Roheit, im Hause derAngehörigen verwesen; später, in der Zeit der feinerenBildung", errichtete man ihnen eigene, oft sehr niedlicheHüttchen bzw. Bretterdächer 20 ), und auf dieselbe Weisesind bei den Negern von Senegambien wie bei den Eingebo-renen der Marianen ganze Totenstädte anzutreffen 21 ). AlsErsatz für das vom Toten geräumte Haus erhält sein Grabhäufig die Form eines Hauses, einer Kammer oder einerGruft; die etruskischen Kammergräber sind förmliche Woh-nungen, ausgestattet mit Wandgemälden, Spiegeln, Lampen,Schmucksachen und sogar vollständigen Kücheneinrichtun-gen 22 ), und ähnliches gilt von den ägyptischen Felsengräbernund Pyramiden. Doch bestatten die Primitiven die Totennicht immer ganz und auch nicht immer auf einmal in ihrerRuhestätte. Teilbestattungen liegen namentlich in den Grä-bern der Hallstattzeit vor; bald ist in ihnen nur derSchädel geborgen, während das Skelett fehlt, bald ist dasGerippe erhalten und nur der Schädel geht ab 23 ). Die Ur-bevölkerung von Korea, Ost- und Südchina und Indonesienhuldigt der Sitte, die Leiche zu begraben oder auf einerPlattform auszusetzen; nach einiger Zeit werden dieKnochen ausgegraben, gereinigt und endgültig beigesetzt.Eine mehrstufige Bestattung findet sich auch bei südameri-

") Buschan, Völkerkunde I, 303, 360; II, I, 635, 784, 787,791 f., 801, 923.

") Buschanl, 360.

18 ) Buschan I, 372; II, I, 107 f., 923 f.; W a i t z III, 419;IV, 307.

19 ) Waitz V, 151.2 °) Waitz VI, 409.

21 ) Waitz II, 95; V, 151.

-) v. Negelein 134.

23 ) R u d. Martin, Über Skelettkult 26.

13