155
ihm dem bekanntesten Opfer des kursächsischen Luthertums, demKanzler Krell, zum Verbrechen angerechnet. Der HeidelbergerStaatsmann konnte sich übrigens mit dem Bewusstsein trösten, dasser in der Tat nicht so „blutdürstig" war, wie seine Feinde behaup-teten. Denn seine Ueberzeugung, dass der deutsche Protestantismusiu Frankreich und den Niederlanden mitvertoidigt werde und ohneauswärtige Verbindungen der sich mehr und mehr sammelndenGegenpartei erliegen müsse, traf ohne Zweifel das Richtige; hätteKursachsen sich dieser Erkenntniss nicht hartnäckig verschlossen,so wäre nicht etwa, wie die Lutheraner meinten, mehr Blut ge-flossen, sondern vielleicht öfter als einmal in und ausserhalb desReichs „ein Schwert durch das andere in der Scheide gehalten"worden. Und so unerfreulich jene französischen Beziehungen desJahrs 1573 sein mögen, so liegt ihnen doch immerhin ein politischerGedanke zu Grund, der sie über die ganz gewöhnliche Geldgieranderer deutscher Fürsten und ihrer Räte erhebt.
Freilich hat die pfälzische Politik keine Scheu getragen, demErzbischof von Köln zu einer französischen Pension zu verhelfen,und der fromme Kurfürst selbst nahm hie und da seine Zufluchtzu einer höchst offiziellen Notlüge. Dies würde aber ohne denContrast der von Freund und Feind berufenen „pfälzischen Heilig-keit" gewiss nicht auffallen. Ein wahrhaft bedenklicher Handel wardagegen die Vermählung Oraniens, die allerdings eine starke politischeHaltlosigkeit verrät. Ehern versicherte aber den Landgrafen: „woer Ursache oder Förderung zu dieser Heirat gegeben, so solltenS. F. Gn. ihm den Kopf abschlagen lassen." Wir sahen auch be-reits wiederholt, wie in schwierigen Fällen nicht Ehems, sondernZulegers Wort den Ausschlag gab. Zuleger stand, wie es denAnschein hat, iu besonders enger Verbindung mit den streng calvi-uistischen Theologen; unter diesen übte in politischen Dingen wohlDathenus den grössten Einfiuss. Damals bediente sich sogar Oranienmit Vorliebe des gewandton pfälzischen Hofpredigers, 1 ) dessenungeistlicher Tatendrang sich später gegen den Prinzen selbst ge-kehrt und, obwohl Dathenus gewiss stets die Sache Gottes zu för-
1) Vgl. über Petrus Dathenus , dessen entschiedene Verdienste umdie niederländische Reformation durch das zelotisehe Treiben seinerspäteren Jahre in den Schatten gestellt wurden, Prinsterer I. 4, 217 ff;die Biographie in van der Aa, biogr. Woordenboek der NederlandenIV, 63—68 ; H. Q. Janssen, P. D. Een blik op zijne laatste levensjarenDelft 1872. Von seiner Correspondenz noch sehr wenig veröffentlicht.