dieser Weltverfassung konnten die Romantiker nicht das Individuum suchenwollen, an Ausbildung der Persönlichkeit dachten sie nur, sofern dadurch ihrSpiel und die Fülle ihrer Gesichte gesteigert wurde. Sie sind darin die Wider-renaissance und stellen das Goethesche Ideal in Frage. Sie fühlten sich alsFragmente, als Wellen einer großen Vibration. Keiner konnte allein stehen,obwohl keiner sich mit dem andren im menschlichen Sinn einig fühlte und siesich bald wechselseitig vergötterten, bald durch kleine Bosheiten aneinanderrieben. Doch sie alle fühlten in sich den Wellenschlag des allmächtigen Den-kens, das immer sich wandelnde Gleiten der Welt, und ihre Geselligkeit istdas Werk eines feinen, unterirdischen Instinkts. Sie suchten die Gesellig-keit, wie die Renaissance das Individuum gesucht hat, wie von Gott getrieben,weil sie nur so zu ihre m Ausdruck kommen, nur so Vibration bleiben konnten.Dazu war die Romantik ja in die Welt gekommen. Heroen hat sie nicht her-vorgebracht und nicht hervorbringen wollen. Aber so hat sie doch das höchstegeistige Niveau erreicht, das bisher einem Bildungskreis in Deutschland ver-gönnt war. Die Gegenwart muß beschämt stehen vor dieser Fülle und Weiteder Ansichten und dem Pathos, womit sie, auch spielend, das Leben beseelte.— Wir haben das Recht, die ganze Romantik wie eine Person anzusehen.Wenn man heute wieder fasziniert zu ihr zurückkehrt, so ist es weniger, weiluns einzelne ihrer Erscheinungen brauchbar oder reizend sind, als weil hier einEinmaliges und Unverlierbares aus dem Chaos herausgehoben ist: das Denkenals sinnliche Weltkraft — sehr fragmentarisch und unvollkommen und un-rein, doch einer künftigen Ausbildung vielleicht fähig und (gerade wegen seinerAnfänglichkeit) bedürftig, wenn auch kaum wünschbar. Hier sind vielleichterste Anzeichen eines neuen Formprinzips neben Religion und Philosophie:ein neues Verhalten des Menschengeistes zum Unendlichen, und die Morgen-luft, die diese Anfänge umweht, macht noch heute den Atem freier. (FriedrichGundelfinger, Romantikerbriefe, 1907.)
ZEHN JÜNGLINGE WÜRDEN GENÜGEN
Was könnten zehn gefühlvolle, reine, begeisterte Jünglinge, zu einem Zweckeverbündet, mit der Welt in religiöser Hinsicht machen, wenn sie wenigerschreiben und mehr tun wollten, und wenn es möglich wäre, noch junge Leutezu finden. — Daher tut es mir in der Seele weh, wenn ich die herrlichen Kräfteder neuen Menschen, des Schlegel, des Tieck, des Schleiermacher verschwendet,den einen eine Komödie, den andern ein Journal, den dritten romantischeDichtungen, Sonetts und Gott weiß was liefern sehe, sie von großen Zwecken,wie die Franzosen von der Landung in England prahlen höre, und doch keineernste Tendenz, keine verbundene Harmonie zu dem großen Ziele, keine Reali-sierung der göttlichen Idee einer geselligen Verbindung edler Freunde zumhöchsten Zwecke erblicke, wie Schlegel sie im ersten Heft seines Europaso schön andeutet. Alles poetische Andeuten von hohen Verbindungen, an-brechender Morgenröte und so weiter kann nichts helfen; geben muß mander Welt, der jämmerlichen, von Gott entfremdeten Welt das Beispiel einersolchen Verbindung, in Prosa, in Natura; sie mag Sekte, Orden, wie sie will,
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