Druckschrift 
4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
218
Einzelbild herunterladen
 

an seinen Absichten und versprach, zu den Hören manches, was bei mir ver-borgen lag, herzugeben; seine Gattin, die ich von ihrer Kindheit auf zu liebenund zu schätzen gewohnt war, trug das Ihrige bei zu dauerndem Verständnis,alle beiderseitigen Freunde waren froh, und so besiegelten wir durch den größ-ten, vielleicht nie ganz zu schlichtenden Wettkampf zwischen Objekt und Sub-jekt einen Bund, der ununterbrochen gedauert und für uns und andere man-ches Gute gewirkt hat. (Goethe, Zur Morphologie, 1817/1824.)

FRIEDRICH SCHLEGEL UND NOVALIS

Das Schicksal hat einen jungen Mann in meine Hand gegeben, aus dem alleswerden kann. Er gefiel mir sehr wohl, und ich kam ihm entgegen, da ermir denn bald das Heiligtum seines Herzens weit öffnete. Ein noch sehrjunger Mensch von schlanker guter Bildung, sehr feinem Gesicht mitschwarzen Augen, von herrlichem Ausdruck, wenn er mit Feuer von etwasSchönem redet unbeschreiblich viel Feuer er redet dreimal mehr unddreimal schneller wie wir andre die schnellste Fassungskraft und Empfäng-lichkeit. Das Studium der Philosophie hat ihm üppige Leichtigkeit gegeben,schöne philosophische Gedanken zu bilden er geht nicht auf das Wahre,sondern auf das Schöne seine Lieblingsschriftsteller sind Plato und Hem-sterhuys mit wildem Feuer trug er mir an einem der ersten Abende seine Mei-nung vor es sei gar nichts Böses in der Welt und alles nahe sich wiederdem goldenen Zeitalter. Nie sah ich so die Heiterkeit der Jugend. SeineEmpfindung hat eine gewisse Keuschheit, die ihren Grund in der Seele hat,nicht in Unerfahrenheit. Denn er ist schon sehr viel in Gesellschaft gewesen(er wird gleich mit jedermann bekannt), ein Jahr in Jena, wo er die schönenGeister und Philosophen wohl gekannt, besonders Schiller. Doch ist er auchin Jena ganz Student gewesen und hat sich, wie ich höre, oft geschlagen.Er ist sehr fröhlich, sehr weich und nimmt für jetzt noch jede Form an, dieihm aufgedrückt wird.

Die schöne Heiterkeit seines Geistes drückt er selbst am besten aus, da er ineinem Gedichte sagt,die Natur hätte ihm gegeben, immer freundlich himmel-wärts zu schauen". Dieses Gedicht ist ein Sonett, welches er an Dich gemacht,weil er Deine Gedichte sehr liebt. Es ist aber schon vor einigen Jahren ge-macht und Du mußt sein Talent nicht danach beurteilen. Ich habe seineWerke durchgesehen: die äußerste Unreife der Sprache und Versifikation,beständige unruhige Abschweifungen von dem eigentlichen Gegenstand, zugroßes Maß der Länge und üppiger Überfluß an halbvollendeten Bildern,so wie beim Übergang des Chaos in Welt nach dem Ovid verhindern michnicht, das in ihm zu wittern, was den guten, vielleicht den großen lyrischenDichter machen kann eine originelle und schöne Empfindungsweise undEmpfänglichkeit für alle Töne der Empfindung. Im Merkur April 1791stehn Klagen eines Jünglings von ihm. Die Sonette hat er mir versprochenund kann ich sie vielleicht beilegen. Sein Name ist von Hardenberg. (FriedrichSchlegel, Brief von 1792.)

218