Druckschrift 
4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
Seite
216
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Dichterwerke in großem Ansehn, von ausgebreiteter Wirkung, leider solche,die mich äußerst anwiderten: ich nenne nur Heinses Ardinghello und SchillersRäuber. Jener war mir verhaßt, weil er Sinnlichkeit und abstruse Denk-weisen durch bildende Kunst zu veredeln und aufzustutzen unternahm, dieser,weil ein kraftvolles, aber unreifes Talent gerade die ethischen und theatra-lischen Paradoxen, von denen ich mich zu reinigen gestrebt, recht in vollemhinreißenden Strome über das Vaterland ausgegossen hatte.Beiden Männern von Talent verargte ich nicht, was sie unternommenund geleistet; denn der Mensch kann sich nicht versagen, nach seinerArt wirken zu wollen, er versucht es erst unbewußt, ungebildet, dann aufjeder Stufe der Bildung immer bewußter, daher denn so viel Treffliches undAlbernes sich über die Welt verbreitet und Verwirrung aus Verwirrung sichentwickelt.

Das Rumoren aber, das im Vaterlande dadurch erregt, der Beifall, der jenenwunderlichen Ausgeburten allgemein, so von wilden Studenten als der gebil-deten Hofdame gezollt wurde, der erschreckte mich; denn ich glaubte, all meinBemühen völlig verloren zu sehen, die Gegenstände, zu welchen, die Art undWeise, wie ich mich gebildet hatte, schienen mir beseitigt und gelähmt. Undwas mich am meisten schmerzte: alle mit mir verbundenen Freunde, HeinrichMeyer und Moritz sowie die im gleichen Sinne fortwaltenden Künstler Tisch-bein und Bury schienen mir gleichfalls gefährdet; ich war sehr betroffen.Die Betrachtung der bildenden Kunst, die Ausübung der Dichtkunst hätte ichgerne völlig aufgegeben, wenn es möglich gewesen wäre; denn wo war eineAussicht, jene Produktionen von genialem Wert und wilder Form zu über-bieten ? Man denke sich meinen Zustand! Die reinsten Anschauungen suchteich zu nähren und mitzuteilen, und nun fand ich mich zwischen Ardinghellound Franz Moor eingeklemmt.

Moritz, der aus Italien gleichfalls zurückkam und eine Zeitlang bei mir ver-weilte, bestärkte sich mit mir leidenschaftlich in diesen Gesinnungen; ich ver-mied Schillern, der, sich in Weimar aufhaltend, in meiner Nachbarschaftwohnte. Die Erscheinung des Don Carlos war nicht geeignet, mich ihm näherzu führen, alle Versuche von Personen, die ihm und mir gleich nahestanden,lehnte ich ab, und so lebten wir eine Zeitlang nebeneinander fort.Sein Aufsatz über Anmut und Würde war ebensowenig ein Mittel, mich zuversöhnen. Die Kantische Philosophie, welche das Subjekt so hoch erhebt,indem sie es einzuengen scheint, hatte er mit Freuden in sich aufgenommen;sie entwickelte das Außerordentliche, was die Natur in sein Wesen gelegt,und er, im höchsten Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmung, war undank-bar gegen die große Mutter, die ihn gewiß nicht stiefmütterlich behandelte.Anstatt sie selbständig, lebendig vom Tiefsten bis zum Höchsten gesetzlichhervorbringend zu betrachten, nahm er sie von der Seite einiger empirischenmenschlichen Natürlichkeiten. Gewisse harte Stellen sogar konnte ich direktauf mich deuten, sie zeigten mein Glaubensbekenntnis in einem falschen Lichte.Dabei fühlte ich, es sei noch schlimmer, wenn es ohne Beziehung auf mich ge-sagt worden; denn die ungeheure Kluft zwischen unsern Denkweisen klafftenur desto entschiedener.

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