schon der Schatten eines Anspruchs, den andere auf seine Zeit und Tätigkeiterheben konnten oder durften, war ihm unerträglich. Aber man würde diesemLiebhaber der Ruhe, des Noli me tangere, doch sehr Unrecht tun, wollte manihn neben den Zeitgenossen, die sich ihr Leben lang in der Schule und im Amtplagten und durchschlugen, für einen weichlichen Egoisten halten. Er warder treueste Freund, der gefälligste wissenschaftliche Berater, der liebens-würdigste Gesellschafter. Daß er sich dabei, wie wir sehen, gegen seine inner-sten Neigungen zwingen und zusammennehmen mußte, erhöht nur den Wertdieser Vorzüge. Er, dem jede Rücksicht auf andere im Grunde peinlich war,ist geradezu ein Opfer seiner Pietät geworden; denn mit schwerem Herzenriß er sich von Rom, dem Gegenstand seiner Sehnsucht, rasch wieder los, nurum mit Dalberg zusammen die Rückreise nach Heidelberg anzutreten, dieihm den Tod brachte. Er gewann es nicht über sich, seinem Gönner einenWunsch vorzutragen, der diesen unangenehm berühren konnte.Selten wohl hat sich deutsches Wesen mit einer fremden Kultur so glücklichverschmolzen, wie in dieser Persönlichkeit. Daß er aber bei allem Verständnisund aller Vorliebe für die höhere Kultur Italiens immer deutsch gebliebenist, das müssen wir ihm hoch anrechnen. Das Herz des Friesen hat sich auchim Ausland niemals von der Heimat abgewendet: Germania nostra ist seinLosungswort, ein siegreicher Kampf Deutschlands mit Italien um die geistigeHegemonie der Traum seines Lebens. (Friedrich von Bezold, Rudolf Agricola,1884.)
KONRAD CELTIS
Die Doppelleidenschaft, die den echten Humanisten erfüllte, jenes untrenn-bare Gemisch von Ruhmesliebe und Erkenntnisdrang, gestaltete die Jugenddes Celtis wie so vieler Zeitgenossen zur aufregenden Wanderschaft. Denersten Anstoß hatte freilich nur die Abneigung gegen den väterlichen Berufund der Wunsch gegeben, sich höheren Dingen widmen zu können. Als derachtzehnjährige Konrad Pickel seinem Vater, einem Weinbauern zu Wipfeld,entlief, um auf der Universität Köln zu studieren (1477), hatte ihn sein Jugend-unterricht bei einem Geistlichen der Heimat wohl zum „lateinischenMenschen",aber noch nicht zum Humanisten gemacht. Sonst hätte er sich nicht nachdem höchst konservativen Köln gewendet, nicht die Scholastik, die Führerinzur theologischen Bildung und geistlichen Karriere, zum Gegenstand seinerStudien gewählt. Übrigens war seine eifrige Beschäftigung mit AlbertusMagnus, dem er zeitlebens hohe Verehrung bewahrte, keineswegs fruchtlos,schon damals scheint ihn der Reichtum naturwissenschaftlicher Überlieferungund Beobachtung in Alberts Schriften besonders angezogen zu haben. Denentscheidenden Schritt vollzog er aber erst durch die Übersiedelung nachHeidelberg (1484), wo der Kanzler Dalberg und sein edler Freund Agricolaseit kurzem ihren in Deutschland einzigen Musenhof aufgeschlagen hatten.Von einem Mann wie Agricola, der das gesamte Wissen und Können seiner*•& zu umfassen strebte, mußte der lebhafte Celtis mächtig angeregt werden,So spärlich die Zeit ihres Verkehrs auch zugemessen war. Im Jahre 1485
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