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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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immer kränkelnden Mannes mit den halbgeschlossenen blauen beobachten-den Augen, als einzige Waffe im religiösen Streite das Wort anzuerkennen.In politischen Dingen verfocht er die liberalen Ideen der Zeit. Darin lag nunaber das Philosophische und Universelle dieser Natur, daß sie der Prüfung desDenkens alles unterwarf. Die Freude des selbstgewissen Intellektes an seinerSouveränität durchleuchtet in übermütigem Witz wie in gelehrtem, kritischemErnst seine ganze Person. Den höchsten Ausdruck findet dies sein Lebens-gefühl in seinem genialsten und wirksamsten Werke, demLob der Narrheit".In diesem erhebt sich Erasmus über seine Vorbilder zu wahrem Humor. Erstellt die Seite des Lebens dar, in welcher leicht eine gute Portion Narrheitgefunden werden kann, Liebe, Fortpflanzung, Heroismus, und ohne welchedoch alles höchst Verständige in dieser Welt gar nicht da wäre oder nicht be-stehen könnte. Dies tut er in wahrhaft humoristischer Einkleidung. FrauNarrheit hält eine Lobrede auf sich selbst, und ihre Zuhörer sind auch lauterNarren. Alle Schwächen der Zeit, zumal der Kirche und der Wissenschaften,werden in beispielloser Kühnheit vor das Gericht des Verstandes und Witzesgezogen. Bald leichtfertig, bald schwermütig spricht diese Schrift das Ge-fühl von der Zweideutigkeit des Lebens aus. Eine Stimmung, welche gleichder Petrarcas so noch von keinem Modernen geltend gemacht worden war.(Wilhelm Dilthey, Auffassung und Analyse des Menschen im 15. und 16. Jahr-hundert, 1891/1893.)

DÜRER

Dürer sieht in der Welt die Ordnung, das Gesetzliche als die eigentliche Formdes Lebendigen. Das spürt man in der Zeichnung einer einzelnen Blume wiein der Zeichnung eines Grasbüschels. Es gibt da zwar keine tektonischenLinien, keine reinen Horizontalen und Vertikalen, aber die ganze Darstellungist erfüllt von einem Geist des Geordneten, der gleicher Art ist, wie er uns ausden großen tektonischen Konfigurationen entgegentritt.

Und diese Welt des Geordneten ist nun auch die Welt des Sittlichen. DieErscheinung von Roß und Reiter im Blatt von Ritter, Tod und Teufel magetwas Starres haben, aber liegt nicht auch für uns noch in dieser Gebunden-heit ein Teil der sittlichen Kraft des Mannes? Der ehrenhafte Mann ist dersenkrechte Mann. Das ist cum grano salis zu verstehen, aber bis hinauf zuden Monumentalfiguren der vier Apostel geht diese Symbolik. Umgekehrt:das Wilde und Willkürliche ist für Dürer das Böse, das Nicht-sein-Sollende.East ist man versucht, auch von einer Sittlichkeit des Sehens, wie er es ver-stand, bei Dürer zu sprechen. Es ist sein Verdienst, einen Begriff der abso-luten Klarheit der Darstellung verwirklicht zu haben, der dem Herkommenu nd Brauch gegenüber etwas völlig Neues bedeutete. Wenn man über dieMalerische Armut Dürers klagt, so bedenkt man zu wenig, durch welchePositiven Werte er diesen Mangel ausgleicht. Gewiß, er richtet sein Augen-merk hauptsächlich auf die greifbare Form, aber innerhalb dieser Richtungist er so stark, daß man durchaus versteht, wie alles, was nicht plastischerNatur ist, alles, was man als Stofflichkeit, malerische Beleuchtung, malerischeBehandlung der Farbe bezeichnet, bei ihm absterben konnte. Licht und Farbe

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