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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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um ihre milde Hand im Andenken an König Heinrich, der an demselbenWochentage verstorben war, jedem zu öffnen. Kaum hatte sie die Augengeschlossen, als ein Geschenk ihrer Tochter, der Königin Gerberga, eintrafeine prächtige mit Gold gestickte Decke, die nun ihr Leichentuch werdensollte. In der Kirche zu Quedlinburg zu Seiten ihres Gemahls König Hein-rich, wie sie es immer gewünscht hatte, ruhen ihre Gebeine. Sie hatte bei-nahe das achtzigste Jahr erreicht, und nach einem langen und überaus reichenLeben war ihr ein seliges Ende beschieden.

Viele Jahrhunderte noch hat Mathildens Name in höchsten Ehren in ihrenzahlreichen Stiftungen fortgelebt, und mit dem vollsten Rechte. Denn seltenhat sich weltlicher Ruhm und irdische Höhe so wahr und aufrichtig demDienste des Herrn ergeben, als es in dieser ausgezeichneten Frau der Fall war.Ihr Beispiel und ihre unermüdliche Tätigkeit hat für die Gesittung und christ-liche Erweckung des Sachsenvolkes mehr getan, als man sagen kann. Nichtzu Sitzen träger Ruhe und stolzen Überflusses wollte sie ihre Stiftungen zuQuedlinburg, Pöhlde, Nordhausen und Engern machen, sondern zu umfrie-deten Burgen und Pflanzstätten heiligen christlichen Lebens und Strebens ineiner vielbewegten Zeit, der es an roher Sinnlichkeit nicht fehlte. Hier solltedie verfolgte Unschuld Rettung, die Not Hilfe, das verlangende Herz Glaubens-trost finden; von hier sollte sich überdies über das ganze Sachsenland höheregeistige Bildung verbreiten, und zwar jene Bildung, die, aus heiligen Quellenströmend, zugleich geistliche Weihe gibt. Wie Mathilde in diesen Klösternund Schulen denn sie waren beides in einem gewirkt wissen wollte,zeigte sie an ihrem eigenen Beispiel. Die Kraft des Lebens und aller Tätig-keit nahm sie aus dem Gebet, noch in ihren letzten Jahren stand sie stets,ehe es tagte, vom Lager auf und ging zum Gebet in die Kirche, hier sah mansie täglich andächtig dem Gottesdienste beiwohnen; aber sonst war sie uner-müdlich bei der Arbeit und allem müßigen Feiern von Herzen feind. Wosie auch sein mochte, daheim oder auf der Reise, suchte sie die Armen auf undsorgte für sie, unterstützte die Wanderer, trat selbst an das Lager der Kran-ken, unterrichtete selbst ihre Diener und Mägde in nützlichen Dingen, nament-lich in der damals noch seltenen Kunst des Lesens; mit ängstlicher Sorgfaltbedachte sie zugleich den Haushalt und alle Bedürfnisse ihrer Stiftungen;und doch genügten ihr alle diese Werke der Liebe noch nicht, wenn sie nichttäglich noch mit eigenen Händen etwas arbeitete und fertig schaffte.Keine unter allen Tugenden Mathildens war größer als ihre Demut; wo siehelfen konnte, war ihr keine Arbeit zu schlecht und zu gering; aber selbstbei den niedrigsten Werken konnte sie nie die ihr angeborene Hoheit undWürde verleugnen. Widukind sagt von ihr mit freier Anwendung eines Schrift-Wortes: ,,Wie eine Königin saß sie inmitten des Volks, aber sie tröstete alle,d ie Leid trugen." Mit ehrfurchtsvoller Bewunderung sah die Welt auf sie,die Gemahlin König Heinrichs, die Mutter des großen Kaisers Otto, des tapfernHeinrich, des weisen und heiligen Brun; mit Freude und Stolz muß der Deut-sche noch jetzt ihren Namen nennen, denn mit demselben innigst verknüpftsind die schönsten und rühmlichsten Erinnerungen unserer Geschichte.(Wilhelm Giesebrecht, Geschichte der deutschen Kaiserzeit, 1855/1888.)

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