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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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vor Ihren Augen erhellen, und ein festlich geschmückter Saal mit buntenTeppichen und munteren Kränzen, so froh und klar als das Leben unseresFreundes, sollte vor Ihnen erscheinen. Da möchten die Schöpfungen seinerblühenden Phantasie Ihre Augen, Ihren Geist anziehn, der Olymp mit seinenGöttern, eingeführt durch die Musen, geschmückt durch die Grazien, solltezum lebendigen Zeugnis dienen, daß derjenige, der in so heiterer Umgebunggelebt und dieser Heiterkeit gemäß auch von uns geschieden, unter die glück-lichsten Menschen zu zählen und keineswegs mit Klage, sondern mit Aus-druck der Freude und des Jubels zu bestatten sei.

Was ich jedoch den äußern Sinnen nicht darstellen kann, sei den inneren dar-gebracht. Achtzig Jahre: wie viel in wenigen Silben I Wer von uns wagt es,in der Geschwindigkeit zu durchlaufen und sich zu vergegenwärtigen, wasso viele Jahre wohl angewandt bedeuten? Wer von uns möchte behaupten,daß er den Wert eines in jedem Betracht vollständigen Lebens sogleich zu er-messen und zu schätzen wisse?

Begleiten wir unsern Freund auf dem Stufengange seiner Tage, sehen wirihn als Knaben, Jüngling, Mann und Greis, so finden wir, daß ihm das unge-meine Glück zuteil ward, die Blüte einer jeden dieser Jahreszeiten zu pflücken;denn auch das hohe Alter hat seine Blüte, und auch dieser auf das heiterstesich zu freuen, war ihm gegönnt. Nur wenig Monate sind es, als die verbun-denen Brüder ihre geheimnisvolle Sphinx für ihn mit Rosen bekränzten,um auszudrücken, daß, wenn Anakreon, der Greis, seine erhöhte Sinnlichkeitmit leichten Rosenzweigen zu schmücken unternahm, die sittliche Sinn-lichkeit, die gemäßigte, geistreiche Lebensfreude unseres Edlen einen reichen,gedrängt gewundenen Kranz verdiene.

Wenige Wochen sind es, daß dieser treffliche Freund noch unsern Zusammen-künften nicht nur beiwohnte, sondern auch in ihnen tätig wirkte. Er hat seinenAusgang aus dem Irdischen durch unsern Kreis hindurch genommen; wirwaren ihm noch zuletzt die Nächsten, und wenn das Vaterland so wie dasAusland sein Andenken feiert, wo sollte dies früher und kräftiger geschehenals bei unsl

Wieland war in der Nähe von Bieberach, einer kleinen Reichsstadt in Schwaben,1733 geboren. Sein Vater, ein evangelischer Geistlicher, gab ihm eine sorg-fältige Erziehung und legte bei ihm den ersten Grund der Schulkenntnisse.Hierauf ward er nach Kloster Bergen an der Elbe gesendet, wo eine Erziehungs-und Lehranstalt unter der Aufsicht des wahrhaft frommen Abtes Steinmetzin gutem Rufe stand. Von da begab er sich auf die Universität zu Tübingen;sodann lebte er einige Zeit als Hauslehrer in Bern, ward aber bald nach Zürichzu Bodmern gezogen, den man in Süddeutschland wie Gleimen nachher inNorddeutschland, die Hebamme des Genies nennen konnte. Dort überließ ersich ganz der Lust, welche das Selbsthervorbringen der Jugend verschafft,Wann das Talent unter freundlicher Anleitung sich ausbildet, ohne daß diehöheren Forderungen der Kritik dabei zur Sprache kommen. Doch ent-wuchs er bald jenen Verhältnissen, kehrte in seine Vaterstadt zurück und wardvon nun an sein eigner Lehrer und Bildner, indem er auf das rastloseste seineliterarisch-poetische Neigung fortsetzte. Die mechanischen Amtsgeschäfte

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