an ihrem Anblick und fühlt seine Brust erweitert, wenn er einen scham-haften Jüngling, eine züchtige Jungfrau siehet? In dieser Jugendkraft, die,von einer glücklichen Natur erzeuget, durch Mäßigkeit und Übung allein gedeihet,fühlt jedermann die Anlage zu einem tätigen, heiteren Leben und bedauert dieGelegenheit, die ihm zur Ausbildung dieser Gestalt und Kräfte versagt ward.Wenn nun ein unfreundlicher Dämon uns die Brust zusammendrückte, solltenwir künftigen Geschlechtern nicht einen glücklicheren Dämon gönnen? Undda vom Menschenschicksal viel, sehr viel in der Hand der Menschen, in ihremWillen, in ihrer Verfassung und Einrichtung liegt: könnte uns zur Beförde-rung solcher Anstalten wohl ein Grönländer, der aus seiner Höhle gezogenward, oder nicht viel mehr ein Grieche, der ein Mensch wie wir war und als einGottesbild dasteht, erwecken und reizen? (Herder, Briefe zur Beförderungder Humanität, 1793/1796.)
SICHTEN AUF DEN GRÖSSTEN GEGNER
Immer erleuchtet, immer klar und entschieden und zu jeder Stunde mit derhinreichenden Energie begabt, um das, was er als vorteilhaft und notwendigerkannt hatte, sogleich ins Werk zu setzen. Sein Leben war das Schreiteneines Halbgottes von Schlacht zu Schlacht und von Sieg zu Sieg. Von ihmkönnte man sehr wohl sagen, daß er sich in dem Zustande einer fortwährendenErleuchtung befunden; weshalb auch sein Geschick ein so glänzendes war,wie es die Welt vor ihm nicht sah und vielleicht auch nach ihm nicht sehen
wird.-------
Doch scheint es mir, begann ich, daß Napoleon sich besonders in dem Zu-stand jener fortwährenden Erleuchtung befunden, als er noch jung und inaufsteigender Kraft war, wo wir denn auch einen göttlichen Schutz und einbeständiges Glück ihm zur Seite sehen. In späteren Jahren dagegen scheintihn jene Erleuchtung verlassen zu haben sowie sein Glück und sein guterStern.
Was wollt Ihr! erwiderte Goethe. Ich habe auch meine Liebeslieder und meinenWerther nicht zum zweitenmal gemacht. Jene göttliche Erleuchtung, wo-durch das Außerordentliche entsteht, werden wir immer mit der Jugend undder Produktivität im Bunde finden, wie denn Napoleon einer der produktivstenMenschen war, die je gelebt haben.
Ja, ja, mein Guter, man braucht nicht bloß Gedichte und Schauspiele zu machen,um produktiv zu sein, es gibt auch eine Produktivität der Taten, und die inmanchen Fällen noch um ein Bedeutendes höher steht. — —Liegt denn, sagte ich, diese geniale Produktivität bloß im Geiste eines be-deutenden Menschen, oder liegt sie auch im Körper?
Wenigstens, erwiderte Goethe, hat der Körper darauf den größten Einfluß.Es gab zwar eine Zeit, wo man in Deutschland sich ein Genie als klein, schwach,wohl gar buckelig dachte, allein ich lobe mir ein Genie, das den gehörigenKörper hat.
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