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4 (1926) Die Gestalt des Deutschen
Entstehung
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KRIEG ALS GEISTIGE ERSCHEINUNG

Der Krieg überhaupt scheint mir eine poetische Wirkung. Die Leute glaubensich für irgend einen armseligen Besitz schlagen zu müssen und merken nicht,daß sie der romantische Geist aufregt, um die unnützen Schlechtigkeitendurch sich selbst zu vernichten. Sie führen die Waffen für die Sache derPoesie, und beide Heere folgen einer unsichtbaren Fahne.Im Kriege regt sich das Urgewässer. Neue Weltteile sollen entstehen, neueGeschlechter sollen aus der großen Auflösung anschießen. Der wahre Kriegist der Religionskrieg; der geht gerade zu auf Untergang, und der Rausch-sinn der Menschen erscheint in seiner völligen Gestalt: Viele Kriege, besondersdie vom Nationalhaß entspringen, gehören in diese Klasse mit, und sie sindechte Dichtungen. Hier sind die wahren Helden zu Hause, die das edelsteGegenbild der Dichter, nichts anders, als unwillkürlich von Poesie durch-drungene Weltkräfte sind. (Novalis, Heinrich von Ofterdingen, 1800.)

DER EWIGE KRIEG

Je allgemeiner der wahre Krieg wird, um so dauerhafter wird auch der wahreFriede. Nur die sind die Verdammten, von der heiligen Ruhe großer Gemüterfast hoffnungslos Ausgeschlossenen, die tätig sind, um nachher träge sein,die die Waffen anlegen, um sie nachher rasten lassen zu können; die, welchemeinen, mit einzelnen großen Anstrengungen, deren die Faulheit sogar fähigist, sich die nichtswürdige Ruhe eines ganzen Lebens erkaufen zu können.Nur der ist tätig, der die Mittel zu höherer Tätigkeit erwerben will, nur derlegt vor Gott die Waffen an, der entschlossen ist, sie nie wieder abzulegen.(Adam Müller, Vorlesungen über die deutsche Wissenschaft und Literatur,1807.)

DER KRIEG ALS RETTER DES GEISTES

Der Krieg unentbehrlich. Es ist eitel Schwärmerei und Schönseelentum,von der Menschheit noch viel (oder gar: erst recht viel) zu erwarten, wenn sieverlernt hat, Kriege zu führen. Einstweilen kennen wir keine anderen Mittel,wodurch mattwerdenden Völkern jene rauhe Energie des Feldlagers, jenertiefe unpersönliche Haß, jene Mörder-Kaltblütigkeit mit gutem Gewissen,jene gemeinsame organisierende Glut in der Vernichtung des Feindes, jenestolze Gleichgültigkeit gegen große Verluste, gegen das eigene Dasein unddas der Befreundeten, jenes dumpfe erdbebenhafte Erschüttern der Seeleebenso stark und sicher mitgeteilt werden könnte, wie dies jeder große Kriegtut: von den hier hervorbrechenden Bächen und Strömen, welche freilichSteine und Unrat aller Art mit sich wälzen und die Wiesen zarter Kulturenzugrunde richten, werden nachher unter günstigen Umständen die Räder-werke in den Werkstätten des Geistes mit neuer Kraft umgedreht. Die Kulturkann die Leidsenschaften, Laster und Bosheiten durchaus nicht entbehren.Als die kaiserlich gewordenen Römer der Kriege etwas müde wurden, ver-suchten sie aus Tierhetzen, Gladiatorenkämpfen und Christenverfolgungensich neue Kraft zu gewinnen. Die jetzigen Engländer, welche im ganzen auch

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