LEBENDIGES LEHREN UND LERNEN AUF DENUNIVERSITÄTEN
Vom Mittelalter her hat sich im größten Teil von Europa die Gewohnheit ver-breitet, Schulen zu gründen, in welchen durch mündlichen Unterricht zu denwichtigsten Arten eines öffentlichen Berufs der Grund gelegt werden sollte.Wie mannigfaltig auch die Gestalt und Anwendung dieser Schulen nach Zeitenund Ländern abwechseln mochte, so blieb doch allgemein und vorherrschenddie Überzeugung, daß der eigentliche Weg zu einem öffentlichen Leben, undvorzüglich zum Dienst der Kirche und des Staates, durch sie hindurchführe,und man kann daher in diese gemeinsame Bestimmung das Wesen der euro-päischen Universitäten setzen.
Solange nun die Buchdruckerkunst noch nicht erfunden war, mußten solcheSchulen für unentbehrlich gehalten werden, indem es ganz an äußeren Mittelnfehlte, die zu jenen Zwecken nötigen Kenntnisse anders, als durch mündlicheLehre hinreichend zu verbreiten. Durch den Bücherdruck ist diese äußereUnentbehrlichkeit der Universitäten verschwunden. Nicht nur ist schon jetzteine hinlängliche Anzahl von Schriften zum eigenen Unterricht in allen Wissen-schaften vorhanden, sondern es würde leicht sein, für jede Art des öffent-lichen Berufs eine zusammenhängende Reihe vorbereitender Lehrbüchereigens zu veranlassen. Auf diese Weise würde für den äußern Zweck not-dürftig gesorgt sein, ja es würde dieses für alle Teile wohlfeiler und bequemergeschehen, als es gegenwärtig durch die Universitäten geschieht. Sollensich diese dennoch erhalten, so kann es nur deshalb geschehen, weil durch siewichtige und eigentümliche Vorteile erreicht werden, welche bei dem bloßenBücherunterricht aufgegeben werden müßten. Gerade dieses nun ist wirklichder Fall.
Der Schriftsteller redet zu allen, die an seiner Wissenschaft teilnehmen,Gegenwärtigen und Künftigen, ohne Unterschied ihrer Bildungsstufe. DieAllgemeinheit und Unbestimmtheit, in welcher dieses Publikum vor derSeele des Schriftstellers steht, wird unvermeidlich auch seinem Vortrag einenallgemeinen Charakter geben.
Ganz anders der Universitätslehrer. Ihm gegenüber steht eine Anzahl be-stimmter Individuen, alle auf ziemlich gleicher Bildungsstufe, dieser Wissen-schaft in der Regel noch unkundig, aber mit frischer, unabgenutzter Jugend-kraft. Diesen Schülern soll die Wissenschaft, soweit sie gegenwärtig ent-wickelt ist, in dem Lehrer gleichsam personifiziert erscheinen. Er soll das,was in langer Zeit und sehr allmählich entstanden ist, so lebendig in sich auf-genommen haben, daß ein ähnlicher Eindruck entstehe, als wäre die Wissen-schaft jetzt und mit einem Male in seinem Geist erzeugt worden. Indem nunso der Lehrer die Genesis des wissenschaftlichen Denkens unmittelbar zurAnschauung bringt, wird in dem Schüler die verwandte geistige Kraft gewecktund zur Reproduktion gereizt; er wird nicht bloß lernen und aufnehmen,sondern lebendig nachbilden, was ihm in lebendigem Werden zur Anschauunggebracht ward.-------Nun kann sich zwar diese höhere Wirksamkeit persön-licher Mitteilung unter allen Umständen bewähren, aber daß sie gleich mit dem
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