sichten einzugehen braucht, so darf sie sich doch nicht vermessen, der natür-lichen Beschaffenheit der Dinge entgegen zu handeln. Nun aber wird Deutsch-land in seinen, nach den Zeitumständen erweiterten oder verengerten Grenzenimmer, im Gefühle seiner Bewohner und vor den Augen der Fremden, EineNation, Ein Volk, Ein Staat bleiben. (Wilhelm von Humboldt, Über die deut-sche Verfassung, 1813.)
DAS NÖTIGE OPFER
Welcher Geist nun ist es, der sich an das Ruder stellen dürfe, der mit eignerSicherheit und Gewißheit und ohne unruhiges Hin- und Herschwanken zuentscheiden vermöge, der ein unbezweifeltes Recht habe, jedem, den es treffenmag, ob er nun selbst es wolle oder nicht, gebietend anzumuten und den Wider-strebenden zu zwingen, daß er alles, bis auf sein Leben, in Gefahr setze ? Nichtder Geist der ruhigen bürgerlichen Liebe der Verfassung und der Gesetze,sondern die verzehrende Flamme der höheren Vaterlandsliebe, die die Nationals Hülle des Ewigen umfaßt, für welche der Edle mit Freuden sich opfert und derUnedle, der nur um des ersten willen da ist, sich eben opfern soll. (Fichte,Reden an die deutsche Nation, 1807/1808.)
DIE IDEE DES VOLKES
Die Waffe, welche die Kirche gegen das Reich gewendet hatte, war der Zweifelan seiner Ebenbürtigkeit gewesen: sie hatte abgestritten, daß es gleich ihrseinen unmittelbaren Ursprung von Gott habe und behauptete, daß der Staatnur mittelbar durch sie, die alleinige Vikarin Gottes auf Erden, geschaffenwerden dürfe, sollte sein Ursprung nicht vom Bösen sein. Nach der innerenZermürbung des Universalreiches hatte sie diese Behauptung gegen die er-starkenden Einzelstaaten zu verteidigen, welche gerade im Kampfe gegenjede Universalität und so auch gegen deren kirchliche Begründung des un-mittelbaren göttlichen Ursprungs aufwuchsen. Sie nahmen ihre Gegenwaffenaus der Zeit, welche die Gewalt von Staat und Kirche nicht in dieser un-geheuren Zweiheit kannte, nämlich der Antike, und suchten jeder durch dieWiederbelebung des römischen Begriffes vom Staate als einem Exklusivver-bande alles innerhalb der äußeren Grenzen liegende Gebiet weltlicher wiegeistlicher Gewalt als ihre eigenste Domäne in Anspruch zu nehmen. DieserWille mußte in seinen Folgerungen die allgemeine Kirche zerstören: die Re-formation machte erst diese neuen einheitlichen Staatswesen möglich; diekatholischen konnten ihnen bis zu den äußersten Graden der gallikanischenKirche folgen.
Aber während des Kampfes der großen Gewalten und an ihrer Zersplitterunggestärkt, bildete sich langsam eine neue Gewalt, die in der Reformation mitdumpfer Kraft anrollte, von den Leitern der Staaten bereitwillig genutzt,um die Mauern der Kirche einzurennen, sofort wieder niedergetreten, als sieeigenes Recht beanspruchen wollte, die aber unzerstörbar in den beiden fol-genden Jahrhunderten ihre einmal aufgebrochene Kraft in die Köpfe derTheoretiker zu werfen schien, ehe es ihr gelang, nach den Stadien des Meuchel-
8