Druckschrift 
1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
Seite
221
Einzelbild herunterladen
 

Fehde zu entsagen und wohlgeordnet in unsere Lebensbestrebungen aufzu-nehmen, was wir doch nicht unterjochen können, mag jeder bei sich selbstentscheiden. Wir konstatieren nur eine Tatsache, deren Dasein und frucht-bares Entfalten man sich nicht länger verhehlen darf. Das althellenischeOlympia, wie es war, kann allerdings nicht wiederkommen; aber auch seinGegensatz ringt vergeblich, die in langer Herrschaft ausgenützte und abge-lebte Wirkungskraft wieder aufzufrischen und herzustellen. Der sittlich-politische Gedanke, welcher im Altertum ein Olympia geschaffen hat, lebt undgärt noch heute ungebrochen fort. Was jetzt ist, genügt den sittlichen Be-dürfnissen nicht mehr; es wird und muß etwas kommen, was noch niemalsdagewesen ist, eine Form staatlicher Existenz, die den ganzen Menschen er-faßt und eben deswegen der Bildungsfähigkeit unseres Geschlechts allein ge-nügen kann. Heute ist der Olympiagedanke in Europa wieder soweit ab-geklärt und in den Glaubenskreis des Jahrhunderts eingedrungen, daß er inseiner durchsichtigen Helle mit der trüben Atmosphäre und dem Walddunkelvon Hagion-Oros in die Schranken treten kann. Das Schöne, das Menschlichein verjüngter und veredelter Gestalt ringt heute überall, besonders im gefühl-vollen, reichbegabten Volke der Germanen, mit dem Unschönen, mit der Un-natur und mit den fratzenhaften Gebilden falscher Andacht und Pönitenzenum Herrschaft und Bestand. (Jak. Phil. Fallmerayer, Olympia, 1852.)

HELLAS.

Ohne Bedenken dürfen wir uns auf die Stimme der Geschichte sowie aufdas Gefühl eines jeden berufen, welcher die Taten und Werke der Hellenen-welt im Zusammenhang mit ihrer Verfassung, ihren innern und äußern Ver-hältnissen, ihrer Gesetzgebung, Wissenschaft und Kunst aufgefaßt hat, daßin ihr ein Hauch schöner Sittlichkeit wehe, wie bei keinem andern Volke,und daß der magische Glanz, der es seit so vielen Jahrenhunderten umströmt,nichts anderes sei, als der Widerschein einer gereinigteren Natur und eines innerenAdels ihrer Natur. Was die Alten von den Königen der Inder behaupteten, daßsie um vieles größer und vortrefflicher wären als ihre Untertanen, dasselbekann in Beziehung auf andre Völker von den Hellenen behauptet werden.Und wie die Götter, nach dem Glauben des Altertums, aus der Masse der Men-schen nur wenige auswählten, die sie ihres Unterrichtes würdigen, und selbstdas Leben derjenigen schmücken, die sie wahrhaft glücklich machen wollen:so scheinen sie auch aus der Menge der Völker die Hellenen erwählt zu haben,um sie als ihre Begünstigten der Nachwelt aufzustellen. Denn auch noch jetzt,nach so mannigfaltigem Wechsel der Zeit und Verhältnisse, erscheint unsdas hellenische Altertum nicht bloß als ein Gegenstand der Bewunderung invielfachen Rücksichten, sondern auch in Betracht menschlicher Gebrech-lichkeit mehr denn jedes andere Volk als mit edler Sittlichkeit erfüllt. Womöchte wohl für die europäische Welt, so wie sie sich seit vier Jahrhundertenin ihren höchsten Beziehungen gestaltet hat, ein Ersatz zu finden sein, wennes möglich wäre, die Fäden, die sie an das Altertum knüpfen, plötzlich zu zer-reißen, oder wenn seine Werke vernichtet und selbst das Andenken an seine

221