DAS BILD DER ANTIKE BEI DENDEUTSCHEN.
DIE GÖTTER.
GEIST DER ALTEN RELIGIONEN.
Alles war, was im religiösen Denken der griechischen Völker unter so mannig-faltigen Formen immer wiederkehrt, im wesentlichen nichts anderes, alseine Vergötterung der leiblichen Natur. Die lebendigen Elemente, was sieso nannten, Luft, Feuer, Wasser und Erde, in ihrer Wechselwirkung und inihrem Einfluß auf den Menschen, die auffallendsten Erscheinungen im Tier-reiche , die Merkwürdigkeiten der Pflanzenwelt, daneben besonders Sonneund Mond, die Planeten nebst einigen anderen ausgezeichneten Sternen undnoch der Sirius: das waren die Dinge, die der Grieche verehrte und die erzur Grundlage und zum Inhalte von tausend und tausend Fabeln machte.Physisch war fast seine ganze Religion, die öffentliche wie die geheime. Aufdas eigentümliche Sein der natürlichen Dinge, auf ihr Bestehen und Lebenim Reflex des Menschengeistes: darauf bezog sich alles religiöse Tun undDenken. Der Gottesdienst heiligte in diesem Kreise alles. Selbst das Kleinsteverschmähte er nicht. Es war da nichts zu klein und zu geringfügig. Indiesem magischen Schimmer lebendiger Einbildung ward jedes physischeDasein, Regen und Weben abgestrahlt. Es war eine Religion der Phantasie.Lichtzeit, Schattenzeit und das Jahr in seinem wechselnden Laufe, Sonnen-und Mondperioden mit den daran hängenden Veränderungen, mit Saat undErnte, diese bildeten den immer wiederkehrenden Kreis der Feste. Natur-geister wurden erschaffen, Sternengeister, Luft-, Erd-, Wasser- und Feuer-geister, die dann wieder, in einzelne Strahlen zerlegt, zu einer unüberseh-baren Zahl von Göttern und götterähnlichen Wesen anwuchsen. In ihrenBeziehungen zueinander wurden die Gesetze des physischen Lebens aufgefaßt,wie sie sich dem offenen Natursinne darbieten konnten. Auf der Höhe derKörperwelt, im Organischen, ward die Zeugung der Mittelpunkt des reli-giösen Ahnens, Glaubens und Bildens. Und im Natürlichen war nichts zu ge-heim, es ward ans Licht gezogen und in Bild und Gestalt vor Augen gestellt.Was der Kulturmensch im gesellschaftlichen Leben verschämt und besorglichverbirgt, ward vom geraden Sinne des Naturmenschen im Namen und Abbildreligiös ergriffen und dem öffentlichen Dienste geheiligt. In diesem ganzenimmanenten Glauben, daß ich so spreche, in diesem Glauben, der den Gottin die Natur setzt und mit ihr identifiziert, sodann bei der freieren Lebensweisesüdlicher Völker, zumal der Griechen, dort konnten jene Unterscheidungen vonschicklich und unschicklich, des Gottes würdig und unwürdig, wie sie sich erstunter ganz anderen Lebensansichten und historischen Ereignissen für uns fest-
I Wolters, Der Deutsche. I. T