KAMPFSPIEL UND FEST.
FESTSPIELE.
Bedenkt man, wie bei den Hellenen im Grunde das gesamte nationaleLeben in seiner ganzen fruchtbaren Eigenart, wie die epische Kunst, wie Musikund Lyrik und wie endlich in der vollendetsten Kunstgattung, dem Drama undseinen durch bürgerlichen Wetteifer mit solchem Prunk ausgestatteten Fest-chören, alle Geisteskräfte der Hellenen mit allen blühenden Künsten sichvereinigen zu einem einzigen großen festlichen Wettkampfe zu Ehren desDionysos, dann begreift sich die unermeßliche geistige und religiöse Bedeutungder griechischen Agonistik und des edelsten Wetteifers, der auf diesem Gebiete,in geschichtlicher Zeit an Götterfeste geknüpft und mit den Göttern als deneigentlichen Zuschauern verbunden, die Leibesübungen mit merkwürdigerVorliebe und Virtuosität betrieb, der mittels alter Satzungen und einfacherGebräuche und durch eine innige Verbindung mit dem Kultus die ganze Nationbei den großen heiligen Spielen ihrer Macht und Größe sich bewußt werdenließ, der jeden einzelnen spornte und gegen die Trägheit des Fleisches schützte,den wilden Trieb des Ehrgeizes ordnete und von der Selbstsucht möglichstklärte durch die veredelnde Zucht des Gesetzes und der Religion. Auch dieGötter selbst liebten Spiel und Scherz, daher waren die hellenischen Spielezugleich Feste der Götter. (Lorenz Grasberger, Erziehung und Unterrichtim klassischen Altertum, 1864.)
DER MÄNNLICHE GEIST IN DER GRIECHISCHEN KÖRPERBILDUNG.
Das geistige Element in dieser Körperbildung ist ein starkes, das laut unddeutlich spricht. Bei ihrem Anblicke ist es nicht das Auge allein, das schöneFormen und Linien sieht und genießt. Die Wirkung ist eine viel tiefer grei-fende und stärkere. Ob wir uns dessen bewußt werden oder nicht, es wirktaus diesen Formen auf uns ein mächtiger Geist, der Begriff der Frische undKraft, des Mutes und der Entschlossenheit, der Energie und der Freiheit;man empfindet, diese Körper folgen frei dem eigenen Willen, und ihre Spann-kraft wird erreichen, welches Ziel sie sich vorsetzen; allein sie werden auchmaßvoll immer innerhalb der Grenzen bleiben, welche die Natur ihnen gesteckt;sie vermögen zu arbeiten ebenso wie zu genießen; sie sind das vollendete Bildder Gesundheit und jenes von den Griechen mit dem Worte „Euexia" bezeich-neten, durch methodische Gymnastik erreichten Zustandes des vollkommenstenWohlseins des Körpers, das zugleich das der Seele in sich schließt.Die Kunst keiner andern Epoche und keines andern Volkes hat je diesenGeist in die Körperformen zu legen gewußt. Und dieser Geist ist es, auf demein guter Teil der mächtigen unvergänglichen Wirkung der Antike beruht.Ich entsinne mich aus meiner frühen Jugend als des ersten starken Eindrucks,den ich von der Antike empfangen habe, nicht etwa an den eines der Götter-
Woltcrs, Der Deutsche. I.
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