MENSCH • VOLK • VATERLAND.
DIE GRIECHEN.
Nicht bloß ewige Kinder waren die Griechen, wie sie der ägyptische Prie-ster schalt, sondern auch ewige Jünglinge. Wenn die späteren Dichter Ge-schöpfe der Zeit — ja die deutschen Geschöpfe der Zeiten — sind, so sind diegriechischen zugleich Geschöpfe einer Morgenzeit und eines Morgenlandes.Eine poetische Wirklichkeit warf statt der Schatten nur Licht in ihren poeti-schen Widerschein. Ich erwäge das begeisternde, nicht berauschende Landmit der rechten Mitte zwischen armer Steppe und erdrückender Fülle sowiezwischen Glut und Frost und zwischen ewigen Wolken und einem leeren Him-mel, eine Mitte, ohne welche kein Diogenes von Sinope leben konnte; einLand, zugleich voll Gebirge als Scheidemauer mannigfacher Stämme und alsSchutz- und Treibmauer der Freiheit und Kraft und zugleich voll Zauber-täler als weiche Wiegen der Dichter, von welchen ein leichtes Wehen und Wogenan das süße Jonien leitet, in den schaffenden Edengarten des Dichter-AdamsHomer. Ferner die klimatisch mitgegebene Mitte der Phantasie zwischeneinem Normann und einem Araber, gleichsam ein stilles Sonnenfeuer zwischenMondschein und schnellem Erdenfeuer. Die Freiheit, wo zwar der Sklavezum Arbeitsfleiß und zur Handwerkinnung und zum Brotstudium verurteiltwar (indes bei uns Dichter und Weise Sklaven sind, wie bei den Römern zu-erst die Sklaven jenes waren), wodurch aber eben darum der freigelasseneBürger nur für Gymnastik und Musik, das heißt für Körper- und Seelenbil-dung zu leben hatte. Ferner die olympischen Siege des Körpers und die desGenius waren zugleich ausgestellt und gleichzeitig und Pindar nicht be-rühmter als sein Gegenstand. Die Philosophie war kein Brot-, sondern einLebensstudium, und der Schüler alterte in den Gärten der Lehrer. Ein jungerDichtsinn, indes der spätere anderer Länder sonst von der Vorherrschaftphilosophischen Scharfsinnes zerfasert und entseelt wurde, bestand unver-letzt und feurig vor der alles zerschneidenden Schere von Philosophen, welchein wenigen Olympiaden die ganze transzendente Welt umsegelten. — DasSchöne war, wie der Krieg fürs Vaterland, allen Ausbildungen gemein undverknüpfte alle, so wie der Delphische Tempel des Musengottes alle Griechen-nationen. Der Mensch war inniger in den Dichter eingewebt, und dieserin jenen, und ein Äschylus gedachte auf seiner Grabschrift nur seiner krie-gerischen Siege, und wiederum ein Sophokles erhielt für seine poetischen (inder „Antigone") eine Feldherrnstelle auf Samos, und für die Feier seiner Leichebaten die Athener den belagernden Lysander um einen Waffenstillstand. —le Dic htkunst war nicht gefesselt in die Mauern einer Hauptstadt eingesargt,sondern schwebte fliegend über ganz Griechenland und verband durch dasSprechen aller griechischen Mundarten alle Ohren zu einem Herzen. Alletätigen Kräfte wurden von inneren und äußeren Freiheitskriegen geprüft, ge-stärkt und von Küstenlagen vielfach gewandt, aber nicht wie bei den Römernauf Kosten der anschauenden Kräfte ausgebildet, sondern den Krieg als einenhild, mc ht wie die Römer als ein Schwert führend. — Nun vollends jenen
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