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1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
Seite
190
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GESCHICHTSCHREIBUNG.

HERODOT.

Der erste Grieche, in dessen Kopf der Gedanke sich entwickelte, daß esnicht erdichteter Gegenstände bedürfe, daß auch die Erzählung wahrer Be-gebenheiten einen mächtig ergreifenden Eindruck auf die Gemüter machenkönne, der Homer der Geschichtschreibung war Herodot. Von Anfangbis zu Ende behält er in seinem Werk den Faden in der Hand und weiß mitder größten Umfassung der Darstellung, welche sich fast über alle damalsbekannten Völker der Erde verbreitet, einen stetigen Fortschritt der Erzäh-lung zu verbinden. Aber nicht bloß in diesem nirgends abreißenden Strome,in diesem ununterbrochenen Flusse der Mitteilungen hat Herodots GeschichteÄhnlichkeit mit einem Epos, sondern auch darin, daß das Ganze durch ge-wisse Ideen zusammengehalten und beherrscht wird, auf deren Durchführungund immer deutlicherer Hervorhebung die Befriedigung großenteils beruht,die wir im Lesen des Werkes empfinden. Es ist die Idee eines gerechten Schick-sals, einer Weltordnung, welche jedem Wesen seine bestimmte Bahn und seinefesten Schranken angewiesen und nicht bloß Verbrechen und Frevel, sondernauch schon eine allzu große Ausdehnung von Macht und Reichtum und eindamit verbundenes stolzes Bewußtsein mit Untergang und Verderben straft.Die Gottheit hat dem Menschen ein beschränktes Maß gesetzt und duldetnicht, daß er darüber hinausgehe und sich überhebe: darin besteht dervon Herodot so oft erwähnte Neid der Götter, welchen andere Griechenlieber die göttliche Nemesis nannten. Herodot hebt überall in der Geschichteden Einfluß dieser göttlichen Macht, des Daimonions, wie er auch sagt, her-vor, wie die Gottheit oft an spätem Enkeln die Sünde der Vorfahren rächt,wie Übermut und Leichtsinn das Gemüt verblenden, daß der Mensch wiemit Willen sich in das nahe Verderben stürzt; die Orakel, sonst warnendeStimmen gegen Frevel und Übermut, werden dann selbst in ihrer Doppel-sinnigkeit zu verlockenden Blendwerken, wenn Leidenschaft und Vermessen-heit sich zu Auslegerinnen aufwerfen. Aber außer der Geschichtserzählungselbst dienen dem Herodot besonders noch die eingestreuten Reden weit wenigerzur Charakterisierung der sprechenden Personen, ihrer Neigungen, Absichten,Sinnesart, sondern zur Ausführung allgemeiner Gedanken, namentlich vomNeide der Götter und den Gefahren des Übermuts; so sind diese Reden in derTat mehr der lyrische als der dramatische Bestandteil der Herodotischen Ge-schichtschreibung, und mit den Teilen einer griechischen Tragödie verglichen,entsprechen sie nicht dem Dialoge, sondern den Chorgesängen. Am schön-sten endlich tut Herodot seine Scheu vor der Nemesis durch seine eigne Mä-ßigung und die Bezähmung aller Aufwallungen eines so natürlichen National-stolzes kund. Denn wenn auch die Beherrscher des Orients durch ihre Ver-messenheit das Verderben auf sich ziehen und die Griechen die Sieger bleiben:so schildert der Geschichtschreiber doch den alten frühkultivierten Orientim ganzen als sehr ehrwürdig und bewundernswert, hebt auch an den feind-

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