Druckschrift 
1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
Seite
45
Einzelbild herunterladen
 

DICHTER TÄTER WEISE.

HOMER.

Bei Homer treten alle Gestalten wie unter freiem und heiterm Himmel inhellem Licht hervor; als Statuen stehen sie da, oder vielmehr sie schreitenhandelnd fort, leibhaft in völliger Wahrheit. Auch alle seine Gleichnisseund Naturbilder nehmen an dieser völligen Sichtbarkeit teil; langsam wäl-zen sie sich umher, um gleichsam von allen Seiten ihre Naturbestandheitin ewig festen Zügen darzustellen und zu gewähren. Kein hellerer Platz istals das Feld vor Troja; unter dem immer heitern asiatischen Himmel gehteine Heldengestalt nach der andern hervor und läßt keinen Zug ihrer Hand-hing, ich möchte sagen kein Glied, mit welchem sie wirket, in ungewisserDeutung. Auch für die Sonderung der Gruppen hat Homer dergestalt gesorget,daß selbst im wilden Schlachtgetümmel das Auge des Zuschauers ohne Nebelund Verwirrung bleibet. Und was den Faden des Gedichts betrifft, so ent-wickelt sich solcher aus dem Knäuel der Geschichte so ununterbrochen und

r uhig, als ob die Hand der Parze ihn führte.--------

Homer blühete mit einem jungen Volk auf, und in jeden neuen Ruhmeskranzdieses Volks schlang sich sein Lorbeer. Die erste Kriegsunternehmung desgesamten Griechenlandes hatte er besungen; wenn späterhin GriechenlandSegen die Perser noch größere Unternehmungen ausfocht, so konntenÄschylus, Sophokles und fernere mit Homers Gastmahle nach neuerem Ge-schmack zubereitet ihre Mitbürger bewirten. Die Ehre des ganzen griechi-schen Stammes sproßte in seinen Gesängen; sie trug reiche Blüten und Früchtein jeder Art, mit jeder neuen Betriebsamkeit des Volkes, denn über ihnenschien ein heiterer Himmel, um sie weheten jonische, griechische, italienische

Lüfte.-------------

Der einzige Homer steht also am Ufer dieses großen dunklen Meeres so wieein Pharus da, um eine große Strecke wenigstens hinansehen zu können.Und dieser Sänger Griechenlands trifft, wie mich dünkt, eben auf den Punkt,der schmal wie ein Haar und scharf wie die Schärfe des Schwerts ist, wo Naturund Kunst sich in der Poesie vereinte, oder vielmehr wo die Natur das voll-endete Werk ihrer Hände auf die Grenze ihres Reichs stellte, damit von hieran Kunst anfinge, das Werk selbst aber ein Denkmal ihrer Größe und ein In-begriff ihrer Vollkommenheiten wäre. Bei Homer ist noch alles Natur:Gesang und Sitten, Götter und Helden, Laster und Tugenden, Inhalt undSprache. Der Gesang ist rauh und prächtig, die Sitten roh und auf dem Gipfelme nschlicher Stärke, die Götter niedrig und erhaben, die Helden pöbelhaftund groß, Laster und Tugenden zwischen der Moral und dem Unmenschlichen,die Sprache voll Dürftigkeit und Überfluß alles ein Zeuge der Natur, diedurch ihn sank, ihn aber als ein Muster aufstellte, dem alle Kunst nacheifernund nie übertreffen sollte. (Joh. Gottfr. Herder, Homer und Ossian, 1795.)

45