OLYMPIA UND HAGION-OROS.
Öffentliche Gymnasien mit großen sonnigen Übungsplätzen, von Hallenoder Baumreihen eingeschlossen, meistens vor den Toren in ländlicher Um-gebung angelegt, waren notwendige Beigabe eines hellenischen Gemeinwesens,weil Ansehen und Einfluß unter den Mitbürgern sich hauptsächlich durchReife und Tüchtigkeit jugendlicher „Gymnasialstudien" bedingten. Keinereligiöse Feier ohne Wettkämpfe! Gymnastik war im alten GriechenlandGottesdienst. Männliche Tüchtigkeit der Staatsbürger und Jugendkraft desnachwachsenden Geschlechts, meinte man in Hellas, sei den Göttern eineebenso willkommene Gabe als Opfer an Feldfrüchten mit Hymnen und Lau-tenklang. Naturgemäße Vollendung des nach dem Bilde der Gottheit geschaffe-nen Menschenleibes und harmonischer Ausbau des irdischen Daseins über-haupt galten einst in Griechenland als sicherster Weg und als unabweisbareBerechtigung zu den Freuden eines künftigen Elysiums. Die abgehärmtenTugendmeister und Weltüberwinder auf Hagion-Oros (heiliger Berg Athos)deuten dagegen auf andere Bahnen und haben uns statt des freudenvollenDaseins und des heiteren Selbstgenusses von Olympia in ihrer verzweiflungs-vollen Melancholie Büßertum, Selbstverleugnung, Reue, Not und Tränen einesvon Gott abgefallenen Jammergeschlechtes als Sittengesetz und Vollendungs-ziel irdischer Strebsamkeit hingestellt.
Welche von diesen beiden Lebensansichten und Kampfmethoden für dieWohlfahrt des menschlichen Geschlechtes im allgemeinen fruchtbringender,unserer Natur angemessener und ihrer gesegneten Wirkungen halber ammeisten anzustreben und zu empfehlen sei, braucht man christlichen Lesernnicht erst des näheren auseinanderzusetzen. Denn was beide in ausschließ-licher Herrschaft und Geltung während langer Perioden am Ende hervorge-bracht und geschaffen haben, liegt jetzt klar und abgeschlossen aller Weltvor Augen, und wir glauben es auch ohne Verletzung zartfühlender, ängst-licher Gemüter sagen zu dürfen, daß auf diesem Gebiete offenbar eine Wen-dung eingetreten ist, und daß der erloschene Kredit von „Olympia" mit allenseinen Seligkeiten und Erinnerungen wieder aufzuleben und in der öffent-lichen Vorstellungsweise allmählich zu erstarken scheint. Oder werden Feind-schaft und Kampf gegen die Physis und ihre von Gott verliehenen Gerecht-same in der gesitteten Welt nicht etwa zusehends schwächer, matter, hoffnungs-und willenloser, und tritt nicht beim lebendigen Verschönerungstrieb unseresJahrhunderts endlich ein lang verkanntes Element, die zweite Wesenshälftedes Menschen, wieder in die natürlichen Rechte ein? Auf dem Pfade irdischerGlückseligkeit und himmlischen Ebenmaßes zum Ausbau und zur höherengeistigen Vollendung fortzuschreiten, ist im Gegensatze zur trüben Askese schuld-beladener Vergangenheit Losungswort und Norm der neueren Zeit.--------
Die strengen Büßer auf Hagion-Oros sagen allerdings das Gegenteil undmeinen, von ihrem Standpunkt aus besehen, unsere Thesis sei eine Verirrungvom rechten Pfade, wo nicht geradezu eine Rückkehr zum überwundenenHeidentum. Wir lassen die frommen Ringer in ihrem unbestrittenen Rechte,und die Frage: ob es nicht besser sei, einer ebenso törichten als ungerechten
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