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1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
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DIE ANTIKE WELT UND DIE DEUTSCHEN.

DIE GRIECHEN ALS BILDNER DER DEUTSCHEN.

Die Griechen hatten das Wort Humanität nicht; seit aber Orpheus siedurch den Klang seiner Leier aus Tieren zu Menschen gemacht hatte, warder Begriff dieses Worts die Kunst ihrer Musen. Ich bin weit entfernt, diegriechischen Sitten und Verfassungen zu jeder Zeit und allenthalben alsMuster zu preisen; das kann indessen nicht geleugnet werden, daß das

emollit mores nee sinit esse feros

mittelbar oder unmittelbar der Endzweck gewesen, auf den ihre edelsten Dich-ter, Gesetzgeber und Weise wirkten. Von Homer bis auf Plutarch und Longinist ihren besten Schriften bei einer großen Bestimmtheit der Begriff einer soreizenden Kultur der Seele eingeprägt, daß, wie sich an ihnen die Römerbildeten, sie auch uns kaum ungebildet lassen mögen. Einzelne Blätter,die mir über die Humanität einiger griechischer Dichter und Philosophenin die Hände gekommen sind, sollen Ihnen zu einer anderen Zeit zukommen;jetzt bemerke ich nur, daß, wenn in späteren Zeiten bei irgendeinem Schrift-steller, er sei Geschäftsmann, Arzt, Theolog oder Rechtslehrer, eine feinere,ich möchte sagen, klassische Bildung sich äußerte, diese meist auf klassischemBoden in der Schule der Griechen und Römer erworben, der Sprößling ihresGeistes gewesen. Wie die griechische Kunst unübertroffen und in Absicht derReinheit ihrer Umrisse, des Großen, Schönen und Edlen ihrer Gestalten, allenZeiten das Muster geblieben: fast also ists auch, weniges ausgenommen, mitden Vorstellungsarten des menschlichen Geistes. Was wir kraus sagen undverwickelt denken, gaben sie hell und rein an den Tag; ein kleiner Satz, eineschlicht vorgetragene Erfahrung enthält bei ihnen, wenn man es zu findenweiß, oft mehr als unsere verworrensten Deduktionen; die Probleme, welchedie neuere Staatskunst verwickelt vorträgt, sind in der griechischen Geschichtehell und klar auseinandergesetzt und durch die Erfahrung längst entschieden.Die Kritik des Geschmacks endlich, ja, die reinste Philosophie des Lebens,woher stammen sie als von den Griechen? In den schönsten Seelen dieserNation bildeten sie sich; hie und da hat sich ihr Geist schwesterlichen Seelenmitgeteilt. Da also die Griechen bisher dem Sturz der Zeiten, der Vertilgungwilder Barbaren und Schwärmer entronnen sind, wird, solange sie uns nichtgeraubt sind, wahre Humanität nie von der Erde vertilgt werden.

Immer wird mir wohl, wenn ich auch in unseren Zeiten einen reinen Nach-klang der Weisheit griechischer und römischer Musen höre. Eine Ausgabe,eine Übersetzung, eine wahre Erläuterung dieses oder jenes Dichters, Philo-sophen und Geschichtschreibers halte ich für ein Bruchstück des großen Ge-bäudes der Bildung unseres Geschlechts für unsere und die zukünftigen Zeiten.Eine verständige Stimme, die über unsere jetzige Weltlage aus alter Erfahrungspricht, ist mir mehr, als ob ein Barde weissagte. (Joh. Gottfr. Herder,Geschichte und Kritik der Poesie und bildenden Künste, 1794.)

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