SPRACHE UND REDE.
CHARAKTER DER GRIECHISCHEN SPRACHE.
Unter einem so gemäßigten und zwischen Wärme und Kälte gleichsam ab-gewogenen Himmel spürt die Kreatur einen gleich ausgeteilten Einfluß des-selben. Alle Früchte erhalten ihre völlige Reife, und selbst die wilden Artenderselben gehen in eine bessere Natur hinüber, so wie bei Tieren, welche bessergedeihen und öfter werfen. Ein solcher Himmel, sagt Hippokrates, bildet unterMenschen die schönsten und wohlgebildetsten Geschöpfe und Gewächse undeine Übereinstimmung der Neigungen mit der Gestalt. Das Land der schönenMenschen, Georgien, beweise dieses, welches ein reiner und heiterer Himmelmit Fruchtbarkeit erfüllt. Das Wasser allein soll soviel Anteil haben an unsererGestalt, daß die Indianer sagen, es könne keine Schönheit geben in Ländern,wo kein gut Wasser sei, und das Orakel selbst gibt dem Wasser der Arethusedie Wirkung, schöne Menschen zu machen.
Mich deucht, man könne auch aus der Sprache der Griechen auf die Be-schaffenheit ihrer Körper urteilen. Die Natur bildet bei jedem Volke die Werk-zeuge der Sprache nach dem Einflüsse des Himmels in ihren Ländern, alsodaß es Geschlechter gibt, welche wie die Troglodyten mehr pfeifen als reden,und andere, die ohne Bewegung der Lippen reden können. Die Phasianer inGriechenland hatten, wie man es von den Engländern sagt, einen heiserenLaut.
Unter einem rauhen Himmel werden harte Töne formiert, und die Teile desKörpers, welche hierzu dienen, haben nicht die feinsten sein dürfen.Der Vorzug der griechischen vor allen bekannten Sprachen ist unstreitig;ich rede hier nicht von dem Reichtume, sondern von dem Wohlklange derselben.Alle nordischen Sprachen sind mit Konsonanten überladen, welches ihnen oft-mals ein unfreundliches Wesen gibt. In der griechischen Sprache hingegensind die Vokale mit j6nen dergestalt abgewechselt, daß ein jeder Konsonantseinen Vokal hat, der ihn begleitet, zwei Vokale aber stehen nicht leicht beieinem Konsonant, daß nicht sogleich durch die Zusammenziehung zwei ineinen sollten gezogen werden. Das Sanfte der Sprache leidet nicht, daß sicheine Silbe mit den drei rauhen Buchstaben 6 q> k endige, und die Verwechs-lung der Buchstaben, die mit einerlei Werkzeug der Rede gebildet werden,hatte füglich statt, wenn dadurch der Härte des Lautes konnte abgeholfenwerden. Einige uns scheinbar harte Worte können keinen Einwurf machen,da wir die wahre Aussprache der griechischen so wenig als der römischenSprache wissen. Dieses alles gab der Sprache einen sanften Fluß, machteden Klang der Worte mannigfaltig und erleichterte zu gleicher Zeit die un-nachahmliche Zusammensetzung derselben. Ich will nicht anführen, daßallen Silben auch im gemeinen Reden ihre wahre Abmessung konnte gegebenwerden, woran sich in den abendländischen Sprachen nicht gedenken läßt.Sollte man nicht aus dem Wohlklange der griechischen Sprache auf dieWerkzeuge der Sprache selbst schließen können? Man hat daher einiges
*3* 183