stimmten Sinn der Jugend aber muß das Bestimmteste geboten werden. Da-her ihr keine Musik wahrhaft heilsam ist als die, welche schöne und erhabeneWorte vergeistert und gehaltvollen Gedanken ihre ätherischen Schwingenleiht. Über diese Grundsätze waren die Alten vollkommen einverstanden.Die Verbindung der Poesie mit der Musik als einer freien Heldenkunst warihnen aus den frühesten Zeiten vererbt worden. In dem Lager der Achäer, beidem fernen Getöse der Schlacht, rührte der Sohn des Peleus die Saiten derLeier, der ungestümste und feurigste aller Heroen pflegte der mildesten Kunstund erleichterte sein bekümmertes Gemüt von den lastenden Fesseln des Un-mutes, indem er den Ruhm und die Taten alter Heroen sang. Chiron, der un-tadelige Kentaur, war auch ein Sänger, und die in seiner Ritterschule gebil-deten Heldensöhne lernten von ihm die erquickende Kunst. Aber überall, wowir sie finden, steht sie im Bund mit der Poesie; oft auch knüpften beide zu-gleich den Knoten der Charitinnen um den verschwisterten Tanz. In dieserGemeinschaft lenkte sie die Gemüter zu den höchsten Zielen und wirkteWunder. Denn nicht erträumt sind die Sagen von einem thrakischen Orpheus,einem Amphion und anderen Sängern der grauen Vorzeit, die nicht durch eineunbegreifliche Kunst, sondern durch ihren weisen Gebrauch die Gemüter desrohen Menschengeschlechtes bis in ihre innersten Tiefen erschütterten, unddie Natur selbst, die ihre begeisterten Lieder wunderbar beseelten, vor denAugen der ergriffenen und staunenden Menge zu beleben schienen. So wurdedie Musik auch dem späteren Geschlechte ausgehändigt. Ihrer alten Gestaltgetreu, blieb sie in den Schulen der Jugend ernst und streng und erschienin ihrer edlen Einfalt mit einfachen und begeisterten Worten alter Liederverbunden wie eine heilige Stimme der Vorwelt, kräftig anregend, tief be-wegend und durch hohe Rührung stärkend. Alles war hier harmonisch undeins. Das fromme und ernste Gedicht bewegte sich in feierlichen Rhythmenund war mit der zarten Hülle einer ungekünstelten Melodie umschleiert, diegleichsam nur mit wenigen bedeutenden Farben den kräftigen Umriß belebt.Nun ist aber wohl nicht zu zweifeln, daß eine Kunst das Gemüt reinigen könne,die sich seiner gänzlich bemächtigt, um es in den Äther der höheren Weltzu erheben, aus welcher die Geisterstimme der Musik herabzusäuseln scheint;damit aber das Gefühl nicht in einem unmännlichen und passiven Genüssezerrinne, ihm zugleich durch das Medium der plastischen Poesie hohe Gestaltenzeigt, in deren Beschauung der Geist erstarke und sich mächtig fühle. Auchherrschte über diese Wirkung bei den Alten nur ein Urteil. Da es jedermannbekannt sei, sagt Aristoteles, daß durch diese verschiedenen Arten der Musikdie ganze Stimmung des Gemütes verändert werde, so könne man auch nichtzweifeln, daß Gesang und Rhythmus die Seele sittlich zu bilden vermöge.Auch scheine zwischen der Natur der Seele und der Natur der Rhythmenund der Harmonie eine innige Freundschaft zu sein; daher auch viele Philo-sophen behauptet hätten, die Seele sei entweder selbst Harmonie oder ent-halte Harmonie in sich. Und Plato behauptet in mehreren Stellen seiner Werke,daß, indem Rhythmus und Harmonie tief in die Seele drängen und sie auf dasgewaltigste ergriffen, sie Sittlichkeit und würdevollen Anstand herbeiführten.Diesen Ideen ist es ganz gemäß, wenn das Verderben der Sitten von der Nicht-
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