naten das erste Licht aufging, seit drei Monden der helle Tag und erst seitganz wenigen Tagen (seit dem 15. Mai 1618) die reine Sonne selbst der wun-dervollsten Anschauung aufgeleuchtet ist, jetzt hält mich nichts zurück:jetzt darf ich heiligster Begeisterung ganz nachgeben (und darf sagen): Ja,ich habe die goldenen Gefäße der Ägypter gestohlen, um meinem Gotte ausihnen ein Heiligtum zu errichten, weit, weit von den Grenzen Ägyptens . . .Wohlan hier werfe ich den Würfel und schreibe ein Buch, möge es die Gegen-wart, möge es die Nachwelt lesen — das ist gleich! Möge es seinen Lesererst in hundert Jahren erwarten — wo doch Gott selbst seines Betrachtersdurch sechs Jahrtausende harren gemußt."
Diesen Worten braucht nichts zugefügt zu werden. Über die Kluft von Jahr-tausenden hinweg wird hier von Kepler ein Gedanke, der im Kopfe einesGriechen zuerst im 4. Jahrhundert v. Chr. Geb. aufgegangen ist und dasWesen der Natur blitzartig erleuchtet hat, in seinem eigentlichen Sinne wiedererfaßt. Nachdem diese Idee unverstanden und durch alle möglichen fremdenZutaten entstellt, unter dem Schutt von Büchern und Papier begraben gelegenhatte, erlebt sie in jenem großen Deutschen ihre Auferstehung, um bis zumheutigen Tag die Grundlage der ganzen modernen Naturerkenntnis zu bleiben.(Erich Frank, Plato und die sogenannten Pythagoreer, 1923.)
SINN DER ALTEN UND DER NEUEN MUSIKBILDUNG.
Daß die Musik nicht bloß ein Gegenstand, sondern ein Mittel der Erziehungsei und die sittliche Bildung hemme oder fördere, wird in diesem Zeitalterwenig erwogen; ja, bei aller Verbreitung des Geschmacks an derselben, scheintsie doch den wenigsten würdig genug, ein Gegenstand der öffentlichen Auf-merksamkeit und der Gesetze zu sein. Denn der neueren Welt ist die Musik,wie auch andere Künste, die Musik aber vorzüglich, eine anständige Beschäf-tigung freier Muße, die teils wegen ihrer schwierigen Ausführung gefalle undBewunderung errege, teils auch das Gemüt wie ein gesellschaftliches Spiel,nur mannigfaltiger und zarter, anrege und belebe. Daß diese Anregung einesittliche Wirkung haben und daß diese ebenso heilsam als verderblich seinkönne, wird nicht in Betracht gezogen. Nun ist aber doch wohl unverkenn-bar, daß dasjenige, was recht getrieben, das ganze Gemüt auf das gewaltigsteergreift, ebenfalls bei einer anderen Anwendung es herabziehen und ernied-rigen könne. Es wird aber diese Kunst bei der jugendlichen Erziehung aufeine doppelte Weise gemißbraucht, einmal indem man in ihr ein Maximumder Künstlichkeit zu erreichen sucht und unbekümmert um Sinn und Inhaltnur Schwierigkeiten häuft, um darüber obzusiegen, wodurch diese bezauberteKunst den Künsten der Equilibristen verähnlicht und zu einer Schule derEitelkeit erniedrigt wird; zweitens aber, indem man sie allzuoft von dem Ge-leite der Worte entbunden zu einem entnervenden Spiele unbestimmter Reizeund Anmut macht. Denn in ihrer freiesten Gestalt führt diese wunderbareKunst durch die unendliche Fülle der Ideen, die sie gestaltlos und unentwickeltin das Gemüt versenkt, unvermeidlich zu einer Melancholie, die, wiederholtgenossen, durch ihre Anmut und Süßigkeit den Geist entmannt. Dem unbe-
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