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1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
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213
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DIE HEUTIGEN UND DIE GRIECHEN.

Bei einiger Aufmerksamkeit auf den Zeitcharakter muß uns der Kontrastin Verwunderung setzen, der zwischen der heutigen Form der Menschheitund zwischen der ehemaligen, besonders der griechischen, angetroffen wird.Der Ruhm der Ausbildung und Verfeinerung, den wir mit Recht gegen jedeandere bloße Natur geltend machen, kann uns gegen die griechische Naturnicht zustatten kommen, die sich mit allen Reizen der Kunst und mit allerWürde der Weisheit vermählte, ohne doch wie die unsrige das Opfer derselbenzu sein. Die Griechen beschämen uns nicht bloß durch eine Simplizität, dieunserm Zeitalter fremd ist; sie sind zugleich unsre Nebenbuhler, ja, oft unsreMuster in den nämlichen Vorzügen, mit denen wir uns über die Naturwidrig-keit unsrer Sitten zu trösten pflegen. Zugleich voll Form und voll Fülle, zu-gleich philosophierend und bildend, zugleich zart und energisch, sehen wirsie die Jugend der Phantasie mit der Männlichkeit der Vernunft in einer herr-lichen Menschheit vereinigen.

Damals bei jenem schönen Erwachen der Geisteskräfte hatten die Sinne undder Geist noch kein strenge geschiedenes Eigentum; denn noch hatte keinZwiespalt sie gereizt, miteinander feindselig abzuteilen und ihre Markung zubestimmen. Die Poesie hatte noch nicht mit dem Witze gebuhlt, und die Speku-lation sich noch nicht durch Spitzfindigkeit geschändet. Beide konnten imNotfall ihre Verrichtungen tauschen, weil jedes, nur auf seine eigne Weise,die Wahrheit ehrte. So hoch die Vernunft auch stieg, so zog sie doch immerdie Materie liebend nach, und so fein und scharf sie auch trennte, so verstüm-melte sie doch nie. Sie zerlegte zwar die menschliche Natur und warf sie inihrem herrlichen Götterkreis vergrößert auseinander, aber nicht dadurch, daßsie sie in Stücken riß, sondern dadurch, daß sie sie verschiedentlich mischte,denn die ganze Menschheit fehlte in keinem einzelnen Gottl Wie ganz andersbei uns Neuern! Auch bei uns ist das Bild der Gattung in den Individuenvergrößert auseinandergeworfen aber in Bruchstücken, nicht in ver-änderten Mischungen, daß man von Individuum zu Individuum herum-fragen muß, um die Totalität der Gattung zusammenzulesen. Bei uns,möchte man fast versucht werden zu behaupten, äußern sich die Gemüts-kräfte auch in der Erfahrung so getrennt, wie der Psychologe sie in derVorstellung scheidet, und wir sehen nicht bloß einzelne Subjekte, sondernganze Klassen von Menschen nur einen Teil ihrer Anlagen entfalten, wäh-rend daß die übrigen wie bei verkrüppelten Gewächsen kaum mit matterSpur angedeutet sind.

Ich verkenne nicht die Vorzüge, welche das gegenwärtige Geschlecht alsEinheit betrachtet und auf der Wage des Verstandes vor dem besten in derVorwelt behaupten mag; aber in geschlossenen Gliedern muß es den Wett-kampf beginnen und das Ganze mit dem Ganzen sich messen; welcher einzelneNeuere tritt heraus, Mann gegen Mann, mit dem einzelnen Athenienser umden Preis der Menschheit zu streiten? (Friedr. Schiller, Briefe über die ästhe-tische Erziehung, 1795.)

IS Wolters, Der Deutsche. I. 21^