der schönste Nackende der Kunst wird endlich nur durch Erinnerung geschaf-fen und genossen.
Man kann die Natur nicht abschreiben; sie muß empfunden werden, inden Verstand übergehen und von dem ganzen Menschen wieder neugeborenwerden. Alsdann kommen allein die bedeutenden Teile und lebendigen Formenund Gestalten heraus, die das Herz ergreifen und die Sinne entzücken; die Re-gung in vollstimmiger Einheit durch den ganzen Körper des gegenwärtigenAugenblicks bildet kein bloßer Fleiß. Je größer und erhabener der Künst-ler, desto edler und eingeschränkter die Auswahl. Im Nackenden der bei unsgewöhnlich bekleideten Teile, also des ganzen Körpers bis auf Kopf undHände und Füße, können wir den Alten nicht gleichkommen, weil wir ihreGymnasien und Thermen nicht haben. In Köpfen, Händen und Beinen undKindern halten wir ihnen vielleicht die Wage, insoweit wir noch Periklesse,Piatonen, Alkibiadesse und Aspasien und Phrynen haben. Die höchste Voll-kommenheit ist überall der letzte Endzweck der Kunst, sie mag Körper oderSeele oder beides zugleich darstellen und nicht die bloße getroffene Ähn-lichkeit der Sache und das kalte Vergnügen darüber. (Wilh. Heinse, Ardin-ghello, 1787.)
ERSEHNTE PLATONÜBERTRAGUNG. '
Von Plato wurde dem Sokrates'durch einen Traum verkündigt, daß einjunger Schwan aus dem Altar des Gottes der Liebe aufflöge und in seinemSchöße niedersäße, nachher sich auf seinen Schwingen gen Himmel erhübe,mit einem Gesänge, der das Ohr der Götter und Menschen ergötzte. O, säßein dem Schöße des griechischen Plato auch ein solcher Schwan nieder, um,was er in seiner Sprache sang, uns in der unsrigen vorzusingen! Sein Über-setzer muß den Dämon Sokrates' zum Freunde haben, der ihm in der Weis-heit selbst und in dem Gewände derselben, dem sokratischen Vortrage, Ratund Unterricht gebe: diesem Göttlichen, was in Sokrates wohnet, opfere erwie der junge Theages Gebet und Opfer und was die Weissager wollen, damiter sein Vertrauter sei. (Joh. Gottfr. Herder, Fragmente über die Bildung einerSprache, 1767.)
DIE GRIECHEN UM DER GRIECHEN WILLEN.
Denn um aller Musen willen, warum lesen wir die Griechen? Ists nicht, daßwir eben diesen zarten Keim der Humanität, der in ihren Schriften, wie inihrer Kunst, liegt, nicht etwa nur gelehrt entfalten, sondern in uns, in dasHerz unserer Jünglinge pflanzen? Wer in Homer, ja in allen Schriftstellernvon echt griechischem Geist, bis zu Plutarch und Longin hinab, bloß Grie-chisch lernt oder irgendeine Wissenschaft in ihnen bloß und allein mit nor-dischem Fleiße verfolgt, ohne den Geist ihrer Komposition, diese feineBlüte, mit innerer Zustimmung seines Herzens zu bemerken, der könnte,dünkt mich, an ihrer Statt Sinesen und Mongolen lesen. (Joh. Gottfr. Herder,Geschichte und Kritik der Poesie und bildenden Künste, 1794.)
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