worden, ist deswegen meistens unhaltbar, weil es die Frage vom allgemeinenStandpunkt aus beurteilt. Indessen darf man die Reden in den ersten zehnBüchern des Livius unstatthaft, dieselben bei Dionysios und Dio Cassius ab-geschmackt nennen, und doch Thukydides und Sallustius darin bewundern.Denn um des ersteren nicht zu gedenken, welcher sich selbst hinlänglich dar-über ausgesprochen, so würde bei Sallustius die Nichtanwendung dieser Formschon darum verwerflich sein, weil in dem damaligen Staatsleben der Römervorzüglich die Beredsamkeit hervortrat, weil dadurch oft das Wichtigste ent-schieden und durch dieselbe Kunst, Macht, Ehre und Gewalt errungen ward.So, schon durch die geschichtliche Notwendigkeit geboten, gewinnen dieseReden eine höhere Bedeutung durch Sallustius' kunstvolle Behandlung. Dasdurch allgemeine Schilderung Angedeutete wird durch das gesprochene Wortins hellste Licht gesetzt, und ohne daß die Reden eine sklavische Wiederholungdes wirklich Gesprochenen wären, erhalten sie eine höhere geschichtlicheWahrheit, da sie die Charaktere in ihrer vollen Eigentümlichkeit zur un-mittelbaren Erscheinung bringen und scharf ausgeprägt vor des Lesers gei-stiges Auge stellen. Es atmet in Catilinas Worten der wilde Trotz, die kühneHeldenseele, die zur Unsterblichkeit nur eines würdigeren Zieles bedurfte.Der sanfte Fluß, der hohe Ernst in Cäsars Rede verkündet jene Klarheit undBesonnenheit, die, über Leidenschaft gebietend, das menschliche Gemüt mitsiegender Gewalt ergreift. Aber herrlicher strahlet des catonischen GeistesGröße und Erhabenheit: und gleich glühenden Feuerbränden treffen seine Rede-pfeile die Schwäche und die Feigheit des Senats. So sichtbar ist der Einflußdieser zwei gewaltigen Männer, daß die prüfende Betrachtung ihres Wesensdes Lesers Wunsch entgegenkommt. Darauf nach kurzer Angabe des Unter-gangs der Verschworenen in der Stadt, in gedrängter Kürze der letzte ver-zweiflungsvolle Kampf des Catilina. Auch hier tritt überall nur er hervor,und bis ans Ende bleibt auf ihn der Blick gerichtet. Seinem Fall folgt die Klageüber den teuer erkauften Sieg: und gleich den leisen Tönen, welche in derFerne sanft verhallen, verstummt des Erzählers männlich-kräftige Rede.(Franz Doroth. Gerlach, Historische Studien, 1841.)
14 Wolters, Der Deutsche. I. jq~