liehen Königen Persiens Züge von Charaktergröße gern hervor, zeigt seinenLandsleuten, wie so oft mehr eine göttliche Schickung und äußere Vorteile siegerettet als Verstand und Mut und macht überhaupt nichts weniger als denPanegyristen der griechischen Großtaten. Er macht ihn so wenig, daß,als später durch die rhetorischen Geschichtschreiber eine viel prunkvollereBehandlung dieser Ereignisse aufgekommen war, dem schlichten, wahrhaftenund in seinem Patriotismus bescheidenen Herodot Tadelsucht und absicht-liche Verkleinerung jener Heldentaten vorgeworfen werden konnte.Daß Herodot hinter allen menschlichen Ereignissen das Wirken des Daimo-nions sieht und dies darzutun für die Hauptsache in der Geschichte hält,stellt ihn auf einen ganz anderen Standpunkt als der eines Historikers ist,welcher die menschlichen Begebenheiten bloß in ihrem menschlichen Zu-sammenhange faßt. Herodot ist wirklich ebensosehr ein Theolog und Dichter,wie er Historiker ist. In diesem Geiste sind auch die einzelnen Partien desWerkes behandelt. Das bloße Wiedergeben einer gewöhnlichen Erfahrungin den Kreisen des Menschenlebens ist nicht seine Aufgabe. Er hat seinenBlick auf das Außerordentliche, Ungewöhnliche, Wunderbare gerichtet. Darinträgt das ganze Herodotische Werk eine Farbe. (Karl Otfried Müller, Ge-schichte der griechischen Literatur, 1841.)
THUKYDIDES.
Als Herodotus seine Geschichte vorlas, bemerkte er einen darüber weinendenJüngling, liebte dessen Züge und riet seinem Vater, ihm eine wissenschaft-liche Erziehung zu geben. Thukydides hieß der Jüngling, Olorus der Vater.Jener ists, der in der Geschichte des Zeitraums der attischen Größe, von derletzten Perserschlacht bis auf das zweiundzwanzigste Jahr des Peleponnesi-schen Kriegs, einen solchen Tiefsinn, eine solche Kenntnis des Menschen undihrer Staaten, zugleich eine so kraftvolle, majestätische Beredsamkeit ent-wickelte, daß er, je nach der Stimmung des Lesers, allen andern vorgezogenoder den vortrefflichsten Geschichtschreibern ehrenvoll zur Seite gesetzt wird,als Redner aber mit Demosthenes wetteifert. So wie die Reize der Natur anseinem Vorgänger gefallen, so entdeckt jedes nähere Studium des Thukydidesvollkommenere Kunst. Jener ist anmutiger, die Manier des Thukydides istgroß. Von Tacitus ist er darin unterschieden, daß man in dem Römer denstarken Geist eines stoischen Weisen, bei ihm den großen Sinn eines attischenStaatsmanns bewundert. Populär war Thukydides weder im Leben noch suchteer als Schriftsteller diesen Ruhm; er wollte lieber durchgedacht, als schnellallgemein beklatscht werden, und schrieb mehr für wenige als für die Menge:daher deutet er an, was andere ausgelegt haben würden; er ist manchmal rauhund schwer, aber das Eindringen in seinen Geist belohnt sich.Hin und wieder ist gut, sich zu erinnern, daß er ein Verwandter des ver-triebenen Fürstengeschlechts der Pisistratiden war, daß er kein sonderlicherFreund der Volksherrschaft sein mochte und persönlich über das attischeVolk sich zu beklagen hatte. Auch hat er einen gewissen Hang, die Sachennicht von der günstigsten Seite anzusehen; doch leider scheint er selten sich hierin
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