Muße als mit langer Überdenkung der Unternehmungen, und nicht sowohlnach Gesetzen, als durch eine großmütige Freiwilligkeit der Gefahr entgegen-gehen, so ängstigen wir uns nicht über Dinge, die uns bevorstehen, und wenn siewirklich über uns kommen, so sind wir nicht weniger kühl, sie zu ertragen, alsdiejenigen, welche sich durch eine anhaltende Übung dazu anschicken. Wirlieben die Zierlichkeit ohne Übermaß und die Weisheit ohne Weichlichkeit.Unser Vorzügliches ist, daß wir zu großen Unternehmungen gemacht sind."(Joh. Joach. Winckelmann, Geschichte der Kunst des Altertums, 1764.)
DIE SPRACHE DER GRIECHEN.
Wenn wir den Bemühungen des Naturforschers Beifall schenken, wenn erden kleinsten Erzeugnissen der Natur mit mikroskopischem Fleiße nach-spürt, oder dem Zergliederer, wenn er das Gewebe des menschlichen Körpersentwirrt: wie sollten wir den Grammatiker geringachten, wenn er das edelsteWerk der Vernunft, wenn er die heiligste Gabe und das schönste Band derMenschheit, wenn er die Sprache in ihren kleinsten Bestandteilen mit un-verdrossener Liebe zu erforschen strebt? Ist aber dieses Bestreben an sichlobenswert, so ist es vorzüglich belohnend und fruchtbar, wenn es auf eineSprache gerichtet ist, die, aus welchem Samen sie auch immer zuerst aufge-gangen sein mag, nachdem sie in Hellas Boden Wurzel geschlagen, sich durcheigene Kraft und selbständig zu einem bewundernswürdigen Gewächse ge-bildet hat: die wir eine Reihe von Jahrhunderten hindurch, unter den mannig-faltigsten Umständen, immer frei von fremden Einflüssen den Bestrebungender ersten Geister in den schönsten Werken der Kunst und Wissenschaftdienen sehen: die endlich in Rücksicht auf Reichtum, Fülle, Mannigfaltig-keit, Bestimmtheit, Geschmeidigkeit und Zartheit alle andern Sprachen desAltertums und die ausgebildetsten der neuen Zeit in weiter Entfernung hintersich läßt. Wie wir das Wachstum zarter Pflanzen und ihre allmähliche Ver-edlung mit Bewunderung und Liebe verfolgen und aus jeder verändertenErscheinung neue Freude gewinnen, so verfolgt auch der Sprachforscher mitnicht minder gerechter Liebe den zarten Sproß der hellenischen Sprache, wieer sich zuerst unter dem weichen Himmel Joniens mit frischer Jugendfülleentfaltet, dann, auf die Inseln des Archipelagus und an die Küsten des süd-lichen Italiens und nach Sizilien verpflanzt, die vollen duftreichen Blüten derLyrik treibt, dann wieder in Attika tiefe Wurzeln schlägt und in höchsterVollendung, zart und kräftig, sich jedem Gebrauche der Kunst und Wissen-schaft fügt, und wie sie zuletzt, von der Hand des Despotismus berührt, auchim Absterben noch an die schönen Tage ihrer Jugend erinnert. (Friedr.Jacobs, Rede, 7. Dez. 1807.)
DER PLATONISCHE DIALOG.
Ziemlich geringfügig nämlich die Sache behandelnd, klagt Piaton, wie un-gewiß es immer bleibe bei der schriftlichen Mitteilung der Ideen, ob auch dieSeele des Lesers sie selbsttätig nachgebildet und sich also in Wahrheit ange-eignet habe, oder ob ihr nur mit dem scheinbaren Verständnis der Worte und
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