Recht zu glauben, Homer verstehe unter der Sprache der Götter die griechischeund unter der Sprache der Menschen die phrygische.
Der Überfluß der Vokale war vornehmlich dasjenige, was die Sprache voranderen geschickt machte, durch den Klang und durch die Folge der Worteaufeinander die Gestalt und das Wesen der Sache selbst auszudrücken. ZweiVerse im Homer machen den Druck, die Geschwindigkeit, die verminderte Kraftim Eindringen, die Langsamkeit im Durchfahren und den gehemmten Fortgangdes Pfeils, welchen Pandarus auf den Menelaus abschoß, sinnlicher durch denKlang als durch die Worte selbst. Man glaubt den Pfeil wahrhaftig abgedrückt,durch die Luft fahren und in den Schild des Menelaus eindringen zu sehen.Die Beschreibung des von Achilles gestellten Haufens seiner Myrmidoner,wo Schild an Schild und Helm an Helm und Mann an Mann schloß, ist vondieser Art, und die Nachahmung derselben ist allezeit unvollkommen geraten.Ein einziger Vers enthält diese Beschreibung; man muß ihn aber lesen, um dieSchönheiten zu fühlen. Der Begriff von der Sprache würde bei dem allenunrichtig sein, wenn man sich dieselbe als einen Bach, der ohne alles Ge-räusch (eine Vergleichung über des Plato Schreibart) vorstellen wollte; siewurde ein gewaltiger Strom und konnte sich erheben wie die Winde, die desUlysses Segel zerrissen. Nach dem Klange der Worte, die nur einen drei- odervierfachen Riß beschrieben, scheint das Segel in tausend Stücke zu platzen.Aber außer einem so wesentlichen Ausdrucke fand man dergleichen Wortehart und unangenehm.
Eine solche Sprache erforderte also feine und schnelle Werkzeuge, für welchedie Sprachen anderer Völker, ja, die römische selbst, nicht gemacht schien; sodaß sich ein griechischer Kirchenvater beschwert, daß die römischen Gesetzein einer Sprache, die schrecklich klinge, geschrieben wären.Wenn die Natur bei dem ganzen Baue des Körpers, wie bei den Werk-zeugen der Sprache verfährt, so waren die Griechen aus einem feinen Stoffegebildet; Nerven und Muskeln waren aufs empfindlichste elastisch und be-förderten die biegsamsten Bewegungen des Körpers. In allen ihren Hand-lungen äußerte sich folglich eine gewisse gelenksame Und geschmeidige Ge-fälligkeit, welche ein munteres und freudiges Wesen begleitete. Man mußsich Körper vorstellen, die das wahre Gleichgewicht zwischen den magerenund den fleischigen gehalten haben. Die Abweichung auf beiden Seiten warden Griechen lächerlich, und ihre Dichter machen sich lustig über einenCinesias, einen Philetas und über einen Agoracritus.
Dieser Begriff von der Natur der Griechen könnte dieselben vielleicht alsWeichlinge vorstellen, die durch den zeitigen und erlaubten Genuß der Wollüstenoch mehr entkräftet worden sind. Ich kann mich hierauf durch des PeriklesVerteidigung der Athenienser gegen Sparta in Absicht ihrer Sitten einiger-maßen erklären, wenn mir erlaubt ist, dieselbe auf die Nation überhaupt zudeuten. Denn die Verfassung in Sparta war fast in allen Stücken von derder übrigen Griechen verschieden. „Die Spartaner", sagt Perikles, „suchenvon ihrer Jugend an durch gewaltsame Übungen eine männliche Stärke zuerlangen; wir aber leben in einer gewissen Nachlässigkeit, und wir wagen unsnichtsdestoweniger in ebenso große Gefährlichkeiten, und da wir mehr mit
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