nichts Ungefülltes. Lukan hat sich als Neros Schmeichler der Unechtheitseines Pathos so verdächtig gemacht wie Sallust, und gewiß war auch er keinHeuchler sondern ein romantischer Mime ehrlich geglaubter Ideale. Seine„Pharsalia" sind ein Wunschbild ungeheurer Geschicke, nicht nur, wie manmeist meint, eine Art dichterisch verkleideter Werberede für die unterge-gangene Adelsrepublik, Schmähschrift gegen Cäsar, Verherrlichung des Pom-pejus und Cato. Gewiß war er Republikaner. Das gehörte damals fast zumguten Bildungston, wie zur Hegelzeit der Idealismus und zur Voltairezeit dieSkepsis. Doch schwerlich war er ein Sektierer der Stoa und ein Fanatikerdes Tyrannenhasses, Größe an sich, ja, Kolossalität der Ereignisse, Räume,Figuren um jeden Preis lag ihm am Herzen — noch vor jedem Parteieifer.Wie viele Dichterjünglinge stieg er gleich nach den höchsten Gipfeln undberauschte sich an der Wucht noch eher als am Wert. Vieles an seinemWerk, auch die Stoffwahl, ist wohl weniger Politik als „Sturm undDrang", wie die Titanenpläne Marlowes, Schillers, Büchners, Grabbes oderdie Römer- und Stauferdramen geschichtstrunkener Schüler. Helle undfinstere Gigantengesichte viel mehr als gute und böse Vorbilder wollte ertürmen, und der Redemaler war in ihm mächtiger als der Republikaner.Manches was man aus republikanischem Haß gedeutet, ist nur der barockeKünstlerwille zum steilsten und buntesten Ausdruck. Cäsar war ihm zu-nächst weniger das Widerideal, das er brandmarken wollte, als der finstereRiese, ein erhabenes Ungeheuer wie Marlowes Tamerlan, ShakespearesRichard, Miltons Satan — eine lockende Schreckgestalt, keine Fratze desHasses. Wie Plutarch Shakespeares Cäsargesicht bestimmt, so haben Danteund Corneille, ja noch Goethe und Victor Hugo — um nur die höchstenzu nennen — aus Lukan geschöpft. Den Gegensatz des ruhmgekrönten,würdeschweren Pompe jus, der Recht und Sitte, Altertum und Freiheitträgt, und des gewaltigen Frevlers, den nur sein Genius, sein Glück, seinHeer und die dämonische Kraft der Schuld selber ermächtigten, hat Lukanerst gezeigt. Den Gegensatz zwischen Cäsar und Cato, den Sallust for-muliert, hat Lukan inszeniert und instrumentiert. Freilich schwellt undbauscht er seine Umrisse bis zur Fratze, eben mit jener Wut des Ausdrucks-künstlers, die man für Parteiwut nahm. Doch das düstere Verhängnis — dieHybris und die Nemesis Roms — hat er, wenn auch schwelgend, so doch echtund tief empfunden und verkündet wie kein zweiter römischer Dichter. (Friedr.Gundolf, Cäsar, Geschichte seines Ruhms, 1924.)
GRIECHISCHE MUSIK.
Die herrschende Stellung, die die Musik im griechischen Geistesleben gehabthat, ist nicht immer genügend gewürdigt worden. Man vergesse nicht, daßdie griechische Poesie nie bloße Sprachkunst war, sondern Wort und Ton inuntrennbarer Einheit in sich vereinigte. Selbst die homerischen Dichtungen,denen jene dithyrambische Macht der Töne, die erschütternde Wirkung desMelos, mit einem Wort das dionysische Element der Musik noch fremd ist,das zu den Griechen wohl erst später zugleich mit der dionysischen Religion
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