Boden noch dröhnte und seine Gegenwart noch durchwirkt war. Zu diesemStoff stand Lukan mutatis mutandis ähnlich wie wir zur napoleonischen Zeit.Ihn hob und lockte die fraglos mythische Großheit, ihn hemmte und verwirrtedie Nähe und die genaue Einzelkunde der Geschehnisse. Die kaum verjährtepolitische Leidenschaft des Bürgerkriegs, dem die Monarchie entstiegen war,widerstrebte der epischen Verklärung. Dem Lukan fehlte das schmerz- undgrimmfreie Gedächtnis, worin epische Bilder sich runden. Aus dieser Not hater eine Tugend machen wollen und statt der väterlichen Ruhe Homers, indem ein Volk seiner Vorzeit gedenkt, statt der priesterlichen Weihe Virgils,der des Reiches Gründung und Ahnenschaft feiert, brachte er den heißen Eiferfür Römerwürde und -freiheit und durchdrang den mächtigen Stoff mit po-litischer Lohe. Der Ehrgeiz und Ungestüm eines Zwanzigjährigen, die heftigeGrandezza und der Ingrimm eines müßigen Republikaners: das waren keineEpikeranlagen. Auch gebrach ihm der ruhige Bildnersinn der Griechen und diefestliche Helle des Mantuaners. Doch kein zweiter Römer hatte so sehr dasschwellende Gefühl und die steile Vorstellung seines Gegenstandes. Lukanwar zugleich davon ergriffen und überwältigt wie ein Teilnehmer, und er blickteempor zu ihm wie zu unersteiglichen Gebirgen. Das Pathos des „bellum civile,plus quam civile", welches gerade Cäsar selbst in seiner fröhlichen Höhe nichtentlädt, hat Lukan mit inbrünstiger Phantasie nachgeholt und mit bauschigerRhetorik gesteigert. Hier liegt seine Schwäche und sein Schwung. Er warseinen Inhalten entfremdet, ohne ihnen entrückt zu sein, er nachempfandund begrübelte sie als erregtes Ich, während etwa Homer seine Inhalte als per-sonales Volksgedächtnis erinnerte und kundgab. Auch Virgil — des Augustusdichterischer Helfer — war viel weniger Privatmann, viel mehr öffentlicherAnwalt oder Mitverwalter der von ihm verherrlichten Werte als Lukan, desArtistenkaisers Kunstgenoß und Nebenbuhler, ein Literatengenie mit roman-tischen Staatsgefühlen, doch ohne staatliche Gabe und Aufgabe. Freilichimmer noch ein Römer und noch als Poet mit dem Blick auf den Erdkreisund dem Drang der ungeheuren Erbschaft. Und nur damals war solcher Seelen-zustand möglich, solch beklemmende Wucht bei solcher Öde. Aus der Fülledieser Qual ragt der lapidare Stil des Tacitus, in dem unromantisch das Heuteentmachteter Altrömer sich ausdrückt, — — aus ihrer Lehre, aus demDurst nach Schicksalsgröße, aus einer Romantik, wie nur die altrömischePraktik nach ihrem Verschwinden sie hervortreiben konnte, aus einem nero-nischen Traum von catonischer und cäsarischer Tat stammt der Redepralldes Lukan. Rhetorik war ohnehin das eigentliche Wirkungsmittel auch derrömischen Dichtkunst, geradezu ihr Ersatz für die Plastik. Doch sie ward auchmehr und mehr Ersatz für die Tat, und all die Kräfte, die sich nicht mehr imStaat ausleben konnten, schössen in das mimische, steigernde, fordernde undüberforderte Wort. Cicero war der letzte, der Staatsideale als Orator noch lebte
und wirkte, indem er sie spielte--------und da solche Rhetorik zugleich
aus Armut des Könnens und aus Schwall der Phantasie kommt, so erscheintoder wird sie leicht Lug. Es kommt darauf an, wieweit man die Wunschbil-der der Phantasie wirklich und ernst nimmt. Fast alle große Geschichtschrei-bung und Rednerkunst stammt aus unerfülltem Tatendrang und ist doch
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