Lucrez den Wechsel der Jahreszeiten beschreibt und sie mit dem ganzen Ge-folge ihrer Wirkungen in der Luft und auf der Erde in ihrer natürlichen Ord-nung vorüberführt: war Lucrez ein Ephemeron, hatte er kein ganzes Jahrdurchlebt, um alle die Veränderungen selbst erfahren zu haben, daß er sienach einer Prozession schildern mußte, in welcher ihre Statuen herumgetragenwurden? Mußte er erst von diesen Statuen den alten poetischen Kunstgrifflernen, dergleichen Abstrakta zu wirklichen Wesen zu machen? Oder VirgilsPontem indignatus Araxes, dieses vortreffliche poetische Bild eines über seineUfer sich ergießenden Flusses, wie er die über ihn geschlagene Brücke zerreißt,verliert es nicht seine ganze Schönheit, wenn der Dichter auf ein Kunstwerkdamit angespielt hat, in welchem dieser Flußgott als wirklich eine Brückezerbrechend vorgestellt wird? — Was sollen wir mit dergleichen Erläute-rungen, die aus der klarsten Stelle den Dichter verdrängen, um den Einfalleines Künstlers durchschimmern zu lassen! (Gotth. Ephr. Lessing, Lao-koon, 1766).
VIRGIL.
Virgil ist nicht der erste und nicht der einzige, der den punischen Kriegmit dem Äneasmythus in die engste Verbindung bringt und das, was damalsgeschah, nur als Abschluß einer vor Jahrtausenden begonnenen Entwicklungdarstellt. So dachten schon die Zeitgenossen der Scipionen, und wer heuterichtig urteilen will, muß gleich weite Zeiträume umspannen, weil der Gangder Geschichte stets auf große Fernen angelegt ist. Wir Menschen des neun-zehnten Jahrhunderts, denen es meist genügt, wenn sie wissen, was sie essenund trinken, wie sich kleiden, wie sich vergnügen sollen, sind kaum imstande,die Gewalt zu ermessen, welche hohe Ziele einem ganzen Volke verliehen,noch weniger die Bedeutung zu würdigen, welche populäre Traditionen inder Äneassage für die Entwicklung der Volksgeschichte besitzen. Wir sehenin ihnen literarische Machwerke, betrachten sie als Gegenstände literarischerStreitfragen, halten sie für spät gedichtete Märchen oder mythische Ver-bildungen geschichtlicher Ereignisse: dem Altertum sind sie Elemente derKraft und gleich unserer Teilsage auf die Gesinnung des Volkes und die Ent-wicklung seiner Geschichte von maßgebendem Einfluß. Virgils Gedicht istdem Römer nur darum das beliebteste Volksbuch, weil er in ihm sich, seineSchicksale, seinen leitenden Volksgedanken wiedererkennt. (Joh. Jac. Bach-ofen, Die Sage von Tanaquil, 1870.)
LUKAN.
Was dem gelassenen Plutarch absichtslos gelang durch seine hellenistischePlastik, das hat ein spanisch-römischer Dichter bewußt unternommen: einencäsarischen Mythus. Lukan wetteifert mit Homer und Virgil, und seine „Phar-salia" sollen als Gigantenkampf die Ilias, als dichterische Redekunst die Äneisüberbieten. Über das hellenische und italische Epos wollte er die riesigsteMär des Orbis Terrarum türmen, zugleich aber eine neue Bahn aufreißen: stattder fernen Götter- und Heldensagen die Begebenheiten verewigen, von denen der
140