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1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
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und meinethalb hundertmal aufgefrischte Kopien alter Gesänge und Sagen;aber daß sie dieses sind, daß alter Gesang und Sage in ihnen noch durchschim-mert, ist, wenn mich nicht alles trügt, sehr merkbar. Auch Hesiod, der anEchtheit jenem weit vorsteht, hat gewiß fremde Verse, und doch ist überallder alte ehrwürdige Volkssänger, der einfältige Hirt, der am Berge der Musenweidete und von ihnen die Gabe süßer Gesänge und Lehren zum Geschenk über-kam, hörbar. O war mir's gelungen, von diesen goldenen Gaben und Gerichtender Vorzeit, als den edelsten Volksgesängen, etwas in unserer Sprache zu über-tragen, daß sie noch einigermaßen, was sie sind, blieben! Homer, Hesiodus,Orpheus, ich sehe eure Schatten dort vor mir auf den Inseln der Glückseligenunter der Menge und höre den Nachhall eurer Lieder; aber mir fehlt das Schiffvon euch in mein Land und meine Sprache. Die Wellen auf dem Meere derWiderfahrt verdumpfen die Harfe und der Wind weht eure Lieder zurück,wo sie in amaranthnen Lauben unter ewigen Tänzen und Festen nie verhallen

werden.--------

Ein Gleiches ist mit dem Chor der Griechen, aus dem ihr hohes, einzigesDrama entstand, und von dem es noch immer, zumal im Äschylus und Sopho-kles, wie die heiligen Flamme von dem Holz und Opfer, das sich unten ver-zehrt, hinauflodert. Ohne Zweifel ist er das Ideal griechischen Volksgesanges;aber wer kommt zum Bilde? Wer kanns aus der Höhe seiner Töne haschenund einverleiben unserer Sprache? So auch mit Pindars Gesängen, von denen,meines Wissens, noch nichts entfernt Ähnliches in unserer Sprache, vielleichtauch nicht in unserem Ohr da ist. Wie Tantalus steht man in ihrem Strome:der klingende Strom fleucht und die goldnen Früchte entziehen sich jederBerührung. (Joh. Gottfr. Herder, Vorrede der Volkslieder, 1778.)

SELBSTÄNDIGKEIT DER DICHTUNG.

Der Dichter hatte das Kunstwerk als ein für sich bestehendes Ding undnicht als Nachahmung vor Augen, oder Künstler und Dichter hatten einerleiangenommene Begriffe, demzufolge sich auch Übereinstimmung in ihrenVorstellungen zeigen mußte, aus welcher sich auf die Allgemeinheit jenerBegriffe zurückschließen läßt.

Allein wenn Tibull die Gestalt des Apollo malt, wie er ihm im Traum er-schienen: der schönste Jüngling, die Schläfe mit dem keuschen Lorbeer um-wunden, syrische Gerüche duften aus dem güldenen Haare, das um den langenNacken schwimmt; glänzendes Weiß und Purpurröte mischen sich auf demganzen Körper, wie auf der zarten Wange der Braut, die jetzt ihrem Geliebtenzugeführt wird: warum müßten diese Züge von alten berühmten Gemäldenerborgt sein? Echions Nova nupta verecundia notabilis mag in Rom gewesensein, mag tausend und tausendmal sein kopiert worden, war darum die bräut-liche Scham selbst aus der Welt verschwunden? Seit sie der Maler gesehenhatte, war sie für keinen Dichter mehr zu sehen als in der Nachahmung desMalers? Oder wenn ein anderer Dichter den Vulkan ermüdet, und sein vorder Esse erhitztes Gesicht rot, brennend nennt: mußte er es erst aus demWerke eines Malers lernen, daß Arbeit ermattet und Hitze rötet? Oder wenn

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