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1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
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ÜBER DIE GRIECHISCHEN DICHTER UND IHR VOLK.

Die Poesie lebte im Ohr des Volks, auf den Lippen und der Harfelebendiger Sänger: sie sang Geschichte, Begebenheit, Geheimnis, Wunder undZeichen; sie war die Blume der Eigenheit eines Volks, seiner Sprache undseines Landes, seiner Geschäfte und seiner Vorurteile, seiner Leidenschaftenund Anmaßungen, seiner Musik und Seele.

Wir mögen von den dotboi«;, den umherziehenden Sängern der Griechen,soviel der Fabel geben, als wir wollen: so bleibt am Boden des Gefäßes dieWahrheit übrig, die sich auch in anderen Völkern und Zeitaltern gleichartigdargetan hat. Das Edelste und Lebendigste der griechischen Dichtkunst istaus diesem Ursprung erwachsen.

Der größte Sänger der Griechen, Homerus, ist zugleich der größte Volks-dichter. Sein herrliches Ganzes ist nicht Epopöe, sondern ^noq, Märchen, Sage,lebendige Volksgeschichte. Er setzte sich nicht auf Sammet nieder, ein Helden-gedicht in zweimal vierundzwanzig Gesängen nach Aristoteles' Regeln, oder,so die Muse wollte, über die Regel hinaus, zu schreiben, sondern sang, was ergehört, stellte dar, was er gesehen und lebendig erfaßt hatte: seine Rhapsodienblieben nicht in Buchläden und auf den Lumpen unseres Papiers, sondern imOhr und im Herzen lebendiger Sänger und Hörer, aus denen sie spät gesammeltwurden und zuletzt, überhäuft mit Glossen und Vorurteilen, zu uns kamen.Homers Vers, so umfassend wie der blaue Himmel und so vielfach sich mit-teilend allem, was unter ihm wohnet, ist kein Schulen- und Kunsthexameter,sondern das Metrum der Griechen, das in ihrem reinen und feinen Ohr, inihrer klingenden Sprache zum Gebrauch bereit lag und gleichsam als bild-samer Leim auf Götter- und Heldengestalten wartete. Unendlich und uner-müdet fließts in sanften Fällen, in einartigen Beiwörtern und Kadenzen, wie siedas Ohr des Volkes liebte, hinunter. Diese, das Kreuz aller berühmten Über-setzer und Heldendichter, sind die Seele seiner Harmonie, das sanfte Ruhekissen,das in jeder endenden Zeile unser Auge schließt und unser Haupt entschlum-mert, damit es in jeder neuen Zeile gestärkt zum Schauen erwache und deslangen Weges nicht ermüde. Alle erhabenen Siehe! alle künstlichen Verschrän-kungen und Wortlabyrinthe sind dem einfachen Sänger fremd, er ist immerhörbar und daher immer verständlich: die Bilder treten vors Auge, wie seineSilbertöne ins Ohr fließen; der verschlungene Tanz beider ist Gang seiner Muse,die auch darin Göttin ist, daß sie dem Geringsten und gleichsam jedem Kindedienet. Über eine Sache geheimer und liebster Freuden streitet man nicht gernauf dem Markt; aber dem, dünkt mich, ist Homer nicht erschienen, der denlieben Fußgänger nur auf raschrollenden Wagen und den sanften Strom seinerRede als Mühlengeklapper einer sogenannten Heldenpoesie sich vorbildet.Sein Tritt ist sanft und die Ankunft seines Geistes wie Ulysses' Ankunft inder Heimat; nur der kann sein Vertrauter werden, der sich diese demütige Ge-stalt weder verlügt noch hinwegschämt.

Mit Hesiodus und Orpheus ists, in ihrer Art, ein Gleiches. Nicht daß ich dieWerke, die unter des letzten Namen gehen, für Urschrift des alten Orpheushielte; sie sind ohne allen Zweifel nichts als spätere, vielleicht sechs- bis sieben-

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