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1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
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sein, dennoch seinen kühnen freien Willen zu beherrschen streben könnte,verachtend jenes weichliche Vertrauen, das unter dem schmeichlerischenSchatten einer fremden Fürsorge zu träger egoistischer Ruhe sich lagert,immer auf der Hut, unermüdlich zur Abwehr äußeren Einflusses, keiner nochso altehrwürdigen Überlieferung Macht gebend über sein freies, gegenwärtigesLeben, Handeln und Denken: verstummte der Grieche vor dem Anrufe desChores, ordnete er sich gern der sinnreichen Übereinkunft in der szenischenAnordnung unter, gehorchte er willig der großen Notwendigkeit, deren Aus-sprache ihm der Tragiker durch den Mund seiner Götter und Helden auf derBühne verkündete. Denn in der Tragödie fand er sich ja selbst wieder, undzwar der edelste Teil seines Wesens, vereinigt mit den edelsten Teilen des Ge-samtwesens der ganzen Nation; aus sich selbst, aus seiner innersten ihm be-wußt werdenden Natur, sprach er sich durch das tragische Kunstwerk, dasOrakel der Pythia, Gott und Priester zugleich, herrlicher göttlicher Mensch,er in der Allgemeinheit, die Allgemeinheit in ihm, als eine jener Tausendenvon Fasern, welche in dem einen Leben der Pflanze aus dem Erdboden hervor-gewachsen, in schlanker Gestaltung in die Lüfte sich heben, um die eine schöneBlume hervorzubringen, die ihren Duft der Ewigkeit spendet. Diese Blumewar das Kunstwerk, ihr Duft der griechische Geist, der uns noch heute be-rauscht und zu dem Bekenntnisse entzückt, lieber einen halben Tag Griechevor dem tragischen Kunstwerk sein zu mögen, als in Ewigkeit ungriechi-scher Gott! (Rieh. Wagner, Kunst und Revolution, 1849.)

DER CHOR.

Der Chor der griechischen Tragödie, das Symbol der gesamten dionysischerregten Masse, findet an dieser unserer Auffassung seine volle Erklärung.Während wir, mit der Gewöhnung an die Stellung eines Chors auf der modernenBühne, zumal eines Opernchors, gar nicht begreifen konnten, wie jener tragi-sche Chor der Griechen älter, ursprünglicher, ja, wichtiger sein sollte als dieeigentlicheAktion" wie dies doch so deutlich überliefert war, währendwir wiederum mit jener überlieferten hohen Wichtigkeit und Ursprünglich-keit nicht reimen konnten, warüm'er doch nur aus niedrigen dienenden Wesen,ja zuerst nur aus bocksartigen Satyrn zusammengesetzt worden sei, währenduns die Orchestra vor der Szene immer ein Rätsel blieb, sind wir jetzt zu derEinsicht gekommen, daß die Szene samt der Aktion im Grunde und ursprüng-lich nur als Vision gedacht wurde, daß die einzigeRealität" eben der Chorist, der die Vision aus sich erzeugt und von ihr mit der ganzen Symbolik desTanzes, des Tones und des Wortes redet. Dieser Chor schaut in seiner Visionseinen Herrn und Meister Dionysus und ist darum ewig der dienende Chor:er sieht, wie dieser der Gott leidet und sich verherrlicht, und handelt deshalbselbst nicht. Bei dieser, dem Gotte gegenüber durchaus dienenden Stellung,ist er doch der höchste, nämlich dionysische Ausdruck der Natur und redetdarum, wie diese, in der Begeisterung Orakel- und Weisheitssprüche: als dermitleidende ist er zugleich der weise, aus dem Herzen der Welt die Wahrheitverkündende. (Friedr. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, 1872.)

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