volle Mythen erzählen, wie er als Knabe von den Titanen zerstückelt wordensei und nun in diesem Zustande als Zagreus verehrt werde: wobei angedeutetwird, daß diese Zerstückelung, das eigentlich dionysische Leiden, gleich einerUmwandlung in Luft, Wasser, Erde und Feuer sei, daß wir also den Zustandder Individuation als den Quell und Urgrund alles Leidens, als etwas an sichVerwerfliches, zu betrachten hätten. Aus dem Lächeln dieses Dionysus sinddie olympischen Götter, aus seinen Tränen die Menschen entstanden. In jenerExistenz als zerstückelter Gott hat Dionysus die Doppelnatur eines grau-samen verwilderten Dämons und eines milden sanftmütigen Herrschers. DieHoffnung der Epopten ging aber auf eine Wiedergeburt des Dionysus, die wirjetzt als das Ende der Individuation ahnungsvoll zu begreifen haben: diesemkommenden dritten Dionysus erscholl der brausende Jubelgesang der Epopten:und nur in dieser Hoffnung gibt es einen Strahl von Freude auf dem Antlitzeder zerrissenen, in Individuen zertrümmerten Welt, wie es der Mythus durchdie in ewige Trauer versenkte Demeter verbildlicht, welche zum ersten Malewieder sich freut, als man ihr sagt, sie könne den Dionysus noch einmalgebären. In den angeführten Anschauungen haben wir bereits alle Bestand-teile einer tiefsinnigen und pessimistischen Weltbetrachtung und zugleich da-mit die Mysterienlehre der Tragödie zusammen: die Grunderkenntnisvon der Einheit alles Vorhandenen, die Betrachtung der Individuation als desUrgrundes des Übels, die Kunst als die freudige Hoffnung, daß der Bann derIndividuation zu zerbrechen sei, als die Ahnung einer wiederhergestelltenEinheit. (Friedr. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, 1872.)
DIE GRIECHEN UND IHRE TRAGÖDIE.
Das war das griechische Kunstwerk, das der zu wirklicher, lebendiger Kunstgewordene Apollon, das war das griechische Volk in seiner höchsten Wahr-heit und Schönheit. Dieses Volk, in jedem Teile, in jeder Persönlichkeit über-reich an Individualität und Eigentümlichkeit, rastlos tätig, im Ziele einerUnternehmung nur den Angriffspunkt einer neuen Unternehmung erfassend,unter sich in ständiger Reibung, in täglich wechselnden Bündnissen, täglichsich neu gestaltenden Kämpfen, heute im Gelingen, morgen im Mißlingen,heute von äußerster Gefahr bedroht, morgen seinen Feind bis zur Vernichtungbedrängend, nach innen und außen in unaufhaltsamster, freiester Entwicklungbegriffen: dieses Volk strömte von der Staatsversammlung, vom Gerichts-markte, vom Lande, von den Schiffen, aus dem Kriegslager, aus fernstenGegenden zusammen, erfüllte zu Dreißigtausenden das Amphitheater, umdie tiefsinnigste aller Tragödien, den Prometheus, aufführen zu sehen, umsich vor dem gewaltigsten Kunstwerke zu sammeln, sich selbst zu erfassen,seine eigene Tätigkeit zu begreifen, mit seinem Wesen, seiner Genossenschaft,seinem Gotte sich in die innigste Einheit zu verschmelzen, und so in edelster,tiefster Ruhe das wieder zu sein, was es vor wenigen Stunden in rastlosesterAufregung und gesondertster Individualität ebenfalls gewesen war.Stets eifersüchtig auf seine größte persönliche Unabhängigkeit, nach jederRichtung hin den „Tyrannen" verfolgend, der, möge er selbst weise und edel
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