Bann von Gegenwart und Zukunft, das starre Gesetz der Individuation undüberhaupt der eigentliche Zauber der Natur gebrochen ist, eine ungeheureNaturwidrigkeit — wie dort der Inzest — als Ursache vorausgegangen seinmuß; denn wie könnte man die Natur zum Preisgeben ihrer Geheimnisse zwin-gen, wenn nicht dadurch, daß man ihr siegreich widerstrebt, das heißt durchdas Unnatürliche? Diese Erkenntnis sehe ich in jener entsetzlichen Dreiheitder ödipusschicksale ausgeprägt: derselbe, der das Rätsel der Natur —jenerdoppelgearteten Sphinx — löst, muß auch als Mörder des Vaters und Gatte derMutter die heiligsten Naturordnungen zerbrechen. Ja, der Mythus scheintuns zuraunen zu wollen, daß die Weisheit und gerade die dionysische Weisheitein naturwidriger Greuel sei, daß der, welcher durch sein Wissen die Natur inden Abgrund der Vernichtung stürzt, auch an sich selbst die Auflösung derNatur zu erfahren habe. „Die Spitze der Weisheit kehrt sich gegen den Weisen;Weisheit ist ein Verbrechen an der Natur": solche schrecklichen Sätze ruft unsder Mythus zu: der hellenische Dichter aber berührt wie ein Sonnenstrahl dieerhabene und furchtbare Memnonsäule des Mythus, sodaß er plötzlich zutönen beginnt — in sophokleischen Melodien. (Friedr. Nietzsche, Die Geburtder Tragödie, 1872.)
DAS DIONYSISCHE LEIDEN.
Es ist eine unanfechtbare Überlieferung, daß die griechische Tragödie inihrer ältesten Gestalt nur die Leiden des Dionysus zum Gegenstand hatte, unddaß der längere Zeit hindurch einzig vorhandene Bühnenheld eben Dionysuswar. Aber mit der gleichen Sicherheit darf behauptet werden, daß niemals bisauf Euripides Dionysus aufgehört hat, der tragische Held zu sein, sondern daßalle die berühmten Figuren der griechischen Bühne, Prometheus, ödipus usw.nur Masken jenes ursprünglichen Helden Dionysus sind. Daß hinter allendiesen Masken eine Gottheit steckt, das ist der eine wesentliche Grund für dieso oft angestaunte typische „Idealität" jener berühmten Figuren. Es hat, ichweiß nicht wer, behauptet, daß alle Individuen als Individuen komisch unddamit untragisch seien: woraus zu entnehmen wäre, daß die Griechen über-haupt Individuen auf der tragischen Bühne nicht ertragen konnten. In derTat scheinen sie so empfunden zu haben: wie überhaupt jene platonischeUnterscheidung und Wertabschätzung der „Idee" im Gegensatze zum „Idol",zum Abbild, tief im hellenischen Wesen begründet liegt. Um uns aber derTerminologie Piatos zu bedienen, so wäre von den tragischen Gestalten derhellenischen Bühne etwa so zu reden: der eine wahrhaft reale Dionysus er-scheint in einer Vielheit der Gestalten, in der Maske eines kämpfenden Heldenund gleichsam in das Netz des Einzelwillens verstrickt. So wie jetzt der erschei-nende Gott redet und handelt, ähnelt er einem irrenden, strebenden, leidendenIndividuum: und daß er überhaupt mit dieser epischen Bestimmtheit undDeutlichkeit erscheint, ist die Wirkung des Traumdeuters Apollo, der demChore seinen dionysischen Zustand durch jene gleichnisartige Erscheinungdeutet. In Wahrheit aber ist jener Held der leidende Dionysus der Mysterien,jener die Leiden der Individuation an sich erfahrende Gott, von dem wunder-
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