physischen Welt erregte. Nach diesem letzten Aufglänzen fällt er zusam-men, seine Blätter werden welk, und bald haschen die spöttischen Lucianedes Altertums nach den von allen Winden fortgetragenen, entfärbten undverwüsteten Blumen. Durch die Tragödie kommt der Mythus zu seinemtiefsten Inhalt, seiner ausdruckvollsten Form; noch einmal erhebt er sich,wie ein verwundeter Held, und der ganze Überschuß von Kraft, samt derweisheitsvollen Ruhe des Sterbenden, brennt in seinem Auge mit letztem,mächtigem Leuchten. (Friedr. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, 1872.)
DER TRAGISCHE DICHTER UND DER MYTHOS.
Die leidvollste Gestalt der griechischen Bühne, der unglückselige Ödipus,ist von Sophokles als der edle Mensch verstanden worden, der zum Irrtumund zum Elend trotz seiner Weisheit bestimmt ist, der aber am Ende durch seinungeheures Leiden eine magische segensreiche Kraft um sich ausübt, die nochüber sein Verscheiden hinaus wirksam ist. Der edle Mensch sündigt nicht, willuns der tiefsinnige Dichter sagen: durch sein Handeln mag jedes Gesetz, jedenatürliche Ordnung, ja, die sittliche Welt zugrunde gehen, eben durch diesesHandeln wird ein höherer magischer Kreis von Wirkungen gezogen, die eineneue Welt auf den Ruinen der umgestürzten alten gründen. Das will uns derDichter, insofern er zugleich religiöser Denker ist, sagen: als Dichter zeigt eruns zuerst einen wunderbar geschürzten Prozeßknoten, den der Richter lang-sam, Glied für Glied, zu seinem eigenen Verderben löst; die echt hellenischeFreude an dieser dialektischen Lösung ist so groß, daß hierdurch ein Zug vonüberlegener Heiterkeit über das ganze Werk kommt, der den schauderhaftenVoraussetzungen jenes Prozesses überall die Spitze abbricht. Im „ödipusauf Kolonos" treffen wir diese selbe Heiterkeit, aber in eine unendliche Ver-klärung emporgehoben; dem vom Übermaße des Elends betroffenen Greisegegenüber, der allem, was ihn betrifft, rein als Leidender preisgegeben ist —steht die überirdische Heiterkeit, die aus göttlicher Sphäre herniederkommtund uns andeutet, daß der Held in seinem rein passiven Verhalten seine höchsteAktivität erlangt, die weit über sein Leben hinausgreift, während sein be-wußtes Dichten und Trachten im früheren Leben ihn nur zur Passivität geführthat. So wird der für das sterbliche Auge unauflöslich verschlungene Prozeß-knoten der Ödipusfabel langsam entwirrt— und die tiefste menschliche Freudeüberkommt uns bei diesem göttlichen Gegenstück der Dialektik. Wenn wirmit dieser Erklärung dem Dichter gerecht geworden sind, so kann doch immernoch gefragt werden, ob damit der Inhalt des Mythus erschöpft ist: und hierzeigt sich, daß die ganze Auffassung des Dichters nichts ist als eben jenes Licht-bild, welches uns, nach einem Blick in den Abgrund, die heilende Natur vorhält,ödipus der Mörder seines Vaters, der Gatte seiner Mutter, Ödipus der Rätsel-löser der Sphinx! Was sagt uns die geheimnisvolle Dreiheit dieser Schicksals-taten? Es gibt einen uralten, besonders persischen Volksglauben, daß einweiser Magier nur aus Inzest geboren werden könne: was wir uns, im Hinblickauf den rätsellösenden und seine Mutter freienden ödipus, sofort so zu inter-pretieren haben, daß dort, wo durch weissagende und magische Kräfte der
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