Sehen wir nun aber hier, wie dem Dichter die sämtlichen Mittel zu Gebotestehen, wodurch eine so ungeheure Wirkung hervorgebracht werden kann, soenthalten wir uns nicht der höchsten Verehrung. Wie glücklich der epische,lyrische, dramatische Vortrag geflochten ist und uns zur Teilnahme an solchengreulichen Schicksalen nicht nötigt, sondern anlockt! und wie gut die wenigedidaktische Reflexion den sprechenden Chor kleidet! Alles dieses ist eben nichtgenug zu preisen.
Und so verzeihen Sie denn, daß ich Eulen nach Athen als Dankopfer bringe.Ich könnte wirklich immer so fortfahren und Ihnen das vorerzählen, was Sielängst besser wissen.
So hat mich auch wieder aufs neue ergriffen, daß jede Person, außerKlytämnestra, der Unheilverketterin, ihre abgeschlossene Aristeia hat, sodaßjede ein ganzes Gedicht spielt und nachher nicht wiederkommt, uns etwa aufsneue mit ihren Angelegenheiten beschwerlich zu fallen. In einem jeden gutenGedichte muß die ganze Poesie stecken, dieses ist aber ein Flügelmann.Was Sie in Ihrer Einleitung über Synonymik sagen, ist köstlich, möchtendoch unsere Sprachreiniger davon durchdrungen sein! Doch in so hohe An-gelegenheiten wollen wir die traurigen Mißgriffe nicht mischen, durch welchedie deutsche Nation ihre Sprache von Grund aus verdirbt; ein Urteil, dasman erst in dreißig Jahren einsehen wird.
Sie aber, mein Bester, sein und bleiben gesegnet für das Gute, was Sie anuns getan haben. Dieser Ihr Agamemnon soll mir nicht wieder von der Seite.(Joh. Wolfg. Goethe, Brief vom i. Sept. 1816.)
WIEDERGEBURT DER HOMERISCHEN WELT IN DER TRAGÖDIE.
Unter dem übermächtigen Einflüsse der tragischen Dichtung werden diehomerischen Mythen von neuem umgeboren und zeigen in dieser Metempsy-chose, daß inzwischen auch die olympische Kultur von einer noch tieferenWeltbetrachtung besiegt worden ist. Der trotzige Titan Prometheus hat esseinem olympischen Peiniger angekündigt, daß einst seiner Herrschaft diehöchste Gefahr drohe, falls er nicht zur rechten Zeit sich mit ihm verbindenwerde. In Äschylus erkennen wir das Bündnis des erschreckten, vor seinemEnde bangenden Zeus mit dem Titanen. So wird das frühere Titanenzeitalternachträglich wieder aus dem Tartarus ans Licht geholt. Die Philosophie derwilden und nackten Natur schaut die vorübertanzenden Mythen der homeri-schen Welt mit der unverhüllten Miene der Wahrheit an: sie erbleichen, siezittern vor dem blitzartigen Auge dieser Göttin — bis sie die mächtige Faustdes dionysischen Künstlers in den Dienst der neuen Gottheit zwingt. Diedionysische Wahrheit übernimmt das gesamte Bereich des Mythus alsSymbolik ihrer Erkenntnisse und spricht diese teils in dem öffentlichen Kultusder Tragödie, teils in den geheimen Begehungen dramatischer Mysterienfeste,aber immer unter der alten mythischen Hülle aus. — —Den absterbenden Mythus ergriff der neugeborene Genius der dionysischenMusik: und in seiner Hand blühte er noch einmal, mit Farben, wie er sienoch nie gezeigt, mit einem Duft, der eine sehnsüchtige Ahnung einer meta-
10 Wolters, Der Deutsche. I.
133