EINZIGKEIT DER GRIECHISCHEN GYMNASTIK.
Das gymnastische Ideal war der griechischen Kunst ganz eigen; ebensowie die kunstmäßige Gymnastik überhaupt der griechischen Kultur eigentüm-lich war.
Die Griechen empfanden ihre Gymnastik sehr wohl als ein wesentliches Merk-mal, das sie von den sogenannten Barbaren unterschied. Mit Verachtungsahen die am ganzen Körper sonnenverbrannten sehnigen Griechen auf dieweichen weißen Leiber der Perser; König Agesilaos zeigte gefangene Perserseinen Kriegern entkleidet, und sie lachten verächtlich über die weibischenGegner. Lukian läßt den skythischen Barbaren Anacharsis sich gar sehr ver-wundern beim Anblick der körperlichen Übungen in einem Gymnasium zuAthen; wie Verrückte erscheinen nach Lukian dem Barbaren die griechischenJünglinge, die er da ringen und springen sieht. Das ist rhetorische Einkleidung;allein Tatsache war, daß die kampfmäßige Gymnastik den „Barbaren" fremdund den Griechen eigentümlich war.
Und sie ist neben der bildenden Kunst eine der am meisten charakteristi-schen Erscheinungen hellenischer Kultur. Und wie die Literatur und Kunst,so ist auch die Gymnastik der Griechen von den Römern später nachgeahmtworden, ohne jedoch jemals ganz bei ihnen heimisch zu werden.Wo die Basis, die Gymnastik fehlte, da konnte sich auch in der Kunst eineDurchbildung des Körpers, wie sie die griechische zeigt, nicht entwickeln.Daß die mittelalterliche Kunst gar weit davon entfernt ist, begreifen wir leicht.Aber auch die Renaissance gibt den gymnastisch ausgebildeten männlichenKörper nur in Abhängigkeit von den griechisch-römischen Vorbildern, nichtaus selbständiger eigener Anschauung. Und dasselbe gilt für die neuere undneueste Kunst. Hier wird zwar oft genug dieser oder jener Athlet als Modellgenommen und nachgebildet, und daneben werden nach wie vor Anleihen beider Antike gemacht. Allein eine selbständige, von dem einzelnen Naturmodellebenso wie von der Antike unabhängige und dadurch der Antike an die Seitezu stellende künstlerische Durchbildung des gymnastisch erzogenen Körpersist seit den Zeiten der griechischen Kunst nicht wiedergekommen.Das liegt nicht daran, daß zu wenig Gymnastik getrieben wurde. Bei denEngländern, bei denen der körperliche Sport so methodisch getrieben wird undin die weitesten Volkskreise verbreitet ist, wäre die notwendige Basis für diekünstlerische Verherrlichung des gymnastisch erzogenen Körpers gewiß ge-geben. Allein hier fehlt etwas Anderes, nicht minder Wesentliches: es fehlt dasAuge, das die Körperformen sieht und genießt; es fehlt das Bedürfnis, dieBegierde, diese Formen künstlerisch zu gestalten, und es fehlt schließlich wohlauch die Fähigkeit dieses Gestaltens. Ob dieses Fehlen unserer Kultur nunfortdauernd anhaften wird oder ob wieder wachsen wird, was uns jetzt mangelt,das ist eine große Frage der Zukunft.
Unter den primitiven Völkern sind manche, deren Männer durch kriege-rische Übungen und Tänze gymnastisch prächtig entwickelte Körper haben.Allein diese sogenannten Kulturlosen haben denselben Mangel, der unsererÜberkultur anhaftet, den Mangel der Fähigkeit zu sehen und künstlerisch zu
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