Druckschrift 
1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
Seite
107
Einzelbild herunterladen
 

Führer. Heftig, wild und ungestüm schreckt Memmius den Adel aus seinerstolzen Sicherheit, erweckt das schlummernde Gefühl des Rechts und ladeteinen mächtigen Fürsten vor des Volkes strenges Gericht. Doch über allenMarius, der, treu den alten Sitten seiner Väter und neuer Bildung Glanz mitHohn verschmähend, seine Gegner mit wütendem Parteihaß verfolgt und aufden Trümmern ihres Ansehens nach Ehre und Höhe strebt. An kriegerischerTugend der erste seiner Zeit, im Frieden seines Vaterlandes Geißel, steht er,ein Bild des starren Römersinns, der in wildem Kampfgetümmel, der höherenGeistesbildung widerstrebend, seines Lebens Stolz und Ehre sucht. Die Ver-wicklung der Begebenheiten durch das Gegenstreben solch feindseliger Ele-mente darf dem Vollendetsten, was alte und neue Kunst geschaffen, sich andie Seite stellen, und wessen Augen blind sind gegen eines solchen SchauspielsGröße, der sollte sich des Urteils über Kunst bescheiden. (Franz Doroth. Ger-lach, Historische Studien, 1841.)

DAS ENDE DER REPUBLIK.

Der Kampf, denPompejus und die Republikaner gegen Cäsars Monarchie unter-nommen hatten, endigte nach vierjähriger Dauer mit dem vollständigen Siegdes neuen Monarchen. Zwar die Monarchie ward nicht erst auf den Schlacht-feldern von Pharsalos und Thapsus festgestellt: sie durfte bereits sich datierenvon dem Augenblick, wo Pompe jus und Cäsar im Bunde die Gesamtherrschaftbegründet und die bisherige aristokratische Verfassung über den Haufen ge-worfen hatten. Doch waren es erst jene Bluttaufen des neunten August 48und des sechsten April 46, die das dem Wesen der Alleinherrschaft widerstrei-tende Gesamtregiment beseitigten und der neuen Monarchie festen Bestandund förmliche Anerkennung verliehen. Prätendenteninsurrektionen und repu-blikanische Verschwörungen mochten nachfolgen und neue Erschütterungen,vielleicht sogar neue Revolutionen und Restaurationen hervorrufen; aber diewährend eines halben Jahrtausend ununterbrochene Kontinuität der freienRepublik war durchrissen und im ganzen Umfang des weiten römischenReiches durch die Legitimität der vollendeten Tatsache die Monarchie be-gründet. Der verfassungsmäßige Kampf war zu Ende, und daß er zu Ende war,das sprach Marcus Cato aus, als er zu Utica sich in sein Schwert stürzte. Seitvielen Jahren war er in dem Kampfe der legitimen Republik gegen ihre Be-dränger der Vormann gewesen; er hatte ihn fortgesetzt, lange nachdem jedeHoffnung zu siegen in ihm erloschen war. Jetzt aber war der Kampf selbstunmöglich geworden; die Republik, die Marcus Brutus begründet hatte, wartot und niemals wieder ins Leben zu erwecken; was sollten die Republikanernoch auf der Erde? Der Schatz war geraubt, die Schildwache damit abgelöst;wer konnte sie schelten, wenn sie heimging? Es ist mehr Adel und vor allemmehr Verstand in Catos Tode, als in seinem Leben gewesen war. Cato warnichts weniger als ein großer Mann; aber bei all jener Kurzsichtigkeit, jenerVerkehrtheit, jener dürren Langweiligkeit und jenen falschen Phrasen, dieihn für seine Zeit wie für alle Zeit zum Ideal des gedankenlosen Republikaner-tums und zum Liebling aller damit spielenden Individuen gestempelt haben,

107