Es war ein gefährliches Amt, dem Volk von Athen zu dienen. Der Demoswar souverän und unverantwortlich; die Schuld für jeden scheinbaren oderwirklichen Mißerfolg, für jede Verscherzung seiner Gunst trug nicht er son-dern seine Ratgeber; so war es sein gutes Recht, sie zur Verantwortung zuziehen. Das hat der attische Demos so eifrig und so erbarmungslos getanwie nur der launischste Despot. Es ist der Ruhm des Perikles und seiner Ge-nossen, daß sie bei der Umwälzung von 461 jedes gerichtliche Nachspiel ge-mieden haben und selbst der nach der thasischen Expedition gemachte Versuch,Kimon zu verurteilen, nicht wieder aufgenommen wurde. Sonst aber hat imLeben der athenischen Demokratie jede Wendung im großen wie im kleinenzu den schlimmsten Prozessen geführt; ihr Andenken ist gebrandmarkt durchdie unabsehbare Reihe schimpflicher politischer Urteile gegen die leitendenStaatsmänner wie gegen Feldherrn und Gesandte, von den Prozessen desMiltiades und Themistokles an. Noch weit verhängnisvoller aber war es,wenn mit dem Sturz des leitenden Staatsmannes zugleich sein Posten vakantwurde, wenn die Gegner zwar die Kraft hatten, ihn zu beseitigen, aber nichtihn zu ersetzen. Das war bisher nicht oder doch nur vorübergehend einge-treten, solange noch ein Fortschritt der inneren Entwicklung möglich war.Jetzt aber, mit der Umwälzung von 461, war das letzte Ziel erreicht, über dashinaus niemand mehr gehen konnte, und zugleich war mit dem Sturz desAreopags der letzte Hemmschuh beseitigt. War es zu erwarten, daß die eman-zipierten Massen, wenn sie sich einmal fühlen gelernt hatten, sich aufs neueder Autorität eines auch noch so bedeutenden Mannes fügen würden? Wardas nicht der Fall, dann mußten die Schattenseiten der radikalen Demokratieum so furchtbarer hervortreten, dann mußte sich zeigen, was es bedeutete,einen Staat, der eine Großmacht sein wollte und mußte, zu organisieren ohneeine Regierung. Der attische Staat ohne anerkannten Demagogen war nichtsAnderes als permanente Anarchie. Einstweilen freilich lagen derartige Ge-danken und Besorgnisse noch fern. Gerade der Umstand, daß Perikles undseine Genossen den breiten Massen die Beteiligung am Staatsleben eröffnethatten, gab ihnen den festesten Halt; diese empfanden, daß sie ohne ihrenFührer sich nicht behaupten konnten. Dadurch hat Perikles eine Stellung ge-wonnen, die auch schwere Stürme unerschüttert bestehen und Mißerfolgeertragen konnte, wie sie jedem anderen Staatsmann verhängnisvoll gewordenwären. (Eduard Meyer, Geschichte des Altertums, 1901.)
DAS REICH ALEXANDERS.
Als ein epochemachendes Ereignis oder vielmehr als ein bedeutender Zeit-abschnitt ist das Jahr 323 vor Christi Geburt anzusehen, in welchemAlexander der Große seine tatenreiche Laufbahn in Babylon beschloß.Dieser so vielfach gepriesene und allgemein bewunderte Fürst hatte in demkurzen Zeitraum von kaum 13 Jahren geradezu Unglaubliches vollbracht.Er hatte sich zum Oberfeldherrn aller griechischen Staaten, Stämme undStädte emporgeschwungen und an der Spitze seines Heeres in drei Schlachtendie ungeheure Macht der Perser niedergeworfen; er hatte siegreich einen
Wolters, Der Deutsche. I.
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