ATTISCHE DEMOKRATIE.
So ist in der Tat in Athen mit der Selbstregierung des Volkes so bitterer Ernstgemacht, wie niemals vorher noch nachher in der Geschichte. Es gibt in Athenkeine Regierung, kein Ministerium, keine Autorität als die Volksversammlung.Jeder Athener hat das Recht, ihr seine Ansicht vorzutragen und zu versuchen,ob seine Ratschläge Gehör finden; aus den Vorschlägen wählt das Volk kraftder ihm innewohnenden Weisheit aus, was ihm am zweckdienlichsten erscheint.Aber nur um so deutlicher zeigt sich, daß die attische Demokratie tatsächlichauf eine Institution zugeschnitten ist, von der die geschriebene Verfassungnichts weiß: auf die Leitung des Staats durch den auf Vertrauen des Volksauf unbegrenzte Zeit an seine Spitze berufenen Demagogen. Ihm die Bahnfrei zu machen, haben zuerst Kleisthenes, dann Themistokles ihre Reformeneingeführt; Ephialtes und Perikles haben den letzten Schritt getan, indemsie den letzten Rest einer selbständigen Autorität beseitigten und zugleichdurch die Heranziehung der besitzlosen Menge zum Regiment die neue Ord-nung auf die breiteste Basis stellten. Die Massen, und mögen sie noch so oftsich versammeln — außer den regelmäßigen vier Versammlungen in derPrytanie jederzeit, wenn rasche und außerordentliche Entscheidungen er-forderlich waren —, selbst regieren können sie nicht; irgendeine Einheit abermuß da sein. Einen Überblick über die Lage des Staats, das Finanzwesen,die äußere Politik in Krieg und Frieden kann nur gewinnen, wer die Staats-geschäfte als seinen Lebensberuf treibt. Einfluß zu gewinnen, sei es auf ein-zelnen Gebieten, sei es auf der Gesamtleitung, mögen beliebig viel versuchen;gedeihen kann der Staat nur, wenn die Politiker sich einer überlegenen Per-sönlichkeit unterordnen, oder wenn, falls mehrere um den Primat kämpfen,der Souverän eine definitive Entscheidung trifft — die Form dafür bot derOstrakismos — und sich dann dem Mann seiner Wahl mit vollem Vertrauenhingibt. Dieser Regent oder, wenn man lieber will, dieser Premierministerdes souveränen Volks kann aber —■ das ist noch für Perikles selbstverständlich— 1 nur ein Mann aus den ersten Familien sein; denn die Stellung setzt die volleHingabe aller Kräfte an den Staat voraus, ohne daß sie irgendwelchen mate-riellen Gewinn oder auch nur einen Ersatz für die aufgewandte Arbeit, für diegroßen Ausgaben der leitenden Stellung gewährt noch gewähren darf. Daraufberuht es, daß der Kampf um die Verfassung zugleich ein Ringen der großenAdelsgeschlechter um die Herrschaft gewesen ist, daß das ehrgeizigste vonihnen, die Alkmeoniden, jetzt in seiner weiblichen Linie durch Perikles ver-treten, in demokratischen Konzessionen allen andern den Rang ablief, um da-durch um so sicherer und dauernder für sich selbst die Herrschaft zu gewinnen.Aber die Kehrseite fehlt nicht. Solange der Demagoge das Vertrauen der Massenbehauptet, ist seine Stellung so unumschränkt und allmächtig wie nur jedie eines erblichen Monarchen oder eines erfolgreichen Usurpators. Aberhören seine Erfolge auf, regt sich das Mißtrauen, wissen kühne Rivalen ihmdie Volksgunst zu entziehen und eine neue politische Wendung herbeizufüh-ren, dann kann seine Macht so jäh und so völlig zusammenbrechen, wie nurje die eines Tyrannen. Und mit der politischen Katastrophe ist es nicht getan.
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