Druckschrift 
1 (1925) Das Bild der Antike bei den Deutschen
Entstehung
Seite
89
Einzelbild herunterladen
 

Staatsmann wie auf einen Philosophen: es ist überall dieselbe Augenfreudig-keit, dieselbe Lust an sinnlich Wahrgenommenem, am Bunten, Mannigfal-tigen, dieselbe Lebhaftigkeit in der Ergreifung des Details, die auch hervor-bricht, wenn der Philosoph zum Beispiel um die Selbsterhaltungskraft desKosmos zu versinnlichen, die Himmelssphären oder menschliche Verdauung,Meerfrösche oder den merkwürdigen Vogel Platalea vorführt. Sprachen, Töne,Trachten, Sitten, Körper, Tiere, Pflanzen, alle Seltsamkeiten der Gewässerund der Länder breiten bunt sich aus, doch sie zersplittern und zerschäumennicht, die Kräfte, die in ihnen wirken, schießen bündelweis zusammen, umsich in dem prismatischen Brechungspunkt zu sammeln, der die Vereinigungder Einzelkräfte mit der Urkraft ist.

Aber wie alle Kräfte der Persönlichkeit, bleibt auch die Augenhaftigkeitseines Erlebnisses nicht auf Ein Reich beschränkt: Verbildlichung, Veran-schaulichung ist universaler Trieb in ihm, überall hinzuckende Leidenschaft,die sein Verhältnis zu den letzten Fragen ebenso wie sein Verhältnis zu denEinzelwissenschaften bestimmt, die den Philosophen gleichermaßen zumWeltreisenden und den Weltreisenden zum Philosophen macht, und die demSchriftsteller den Griffel führt, mag er Geschichte schreiben oder Philosophie.Anschauung ist ihm alles. Selbst die geometrischen Methoden, angewandtum Größe und Geschwindigkeit der Sonne zu errechnen, sind nichts wenigerals Wissenschaft in dem Sinne eines Hipparch oder dem unseren, sondernauch nur Hilfsmittel der Einbildung, Anhalte für das Auge, daß es sich, ge-leitet durch die Anschauung stets wachsender Entfernungen, in der Unend-lichkeit des Alls zurechtfinde. Dasselbe Bedürfnis der Verbildlichung machtihn zuletzt zum Techniker; er konstruiert ein drehbares Uranalogium, welchesCicero bei seinem rhodischen Aufenthalt sieht und bewundert. PeripherischenWirkungen desselben Triebs entspringen Hypothesen über den Ursprungtechnischer Errungenschaften oder Schriften über Geometrie und Kriegs-kunst.

Die große Welt, in ein System gebracht, genügt dem welterklärenden Drangenicht, auch der Mikrokosmus muß sich fügen. Für die Erkenntnis der philo-sophierenden Triebe ist die Analyse der Verbindungen und Ketten, durch dieMakrokosmos und Mikrokosmos aneinander hängen, lehrreich wie kaumetwas. Die Methode, die Begriffe, der Erklärungsnenner, das System derKräfte, statt der stoisch-orthodoxen Frage nach den Prädikaten, Inhalten,Verstofflichungen der Vernunft die Frage nach der bewirkenden Ursachebei Poseidonios gleicht in all dem das System der kleinen Welt der großenWelt vollkommen. Aber es tritt hier noch eins hinzu, ersetzend, was dort dieWahrnehmung des äußeren Sinnes leistet: ein gesteigertes Gefühl der eigenenkörperlichen Kräfte und Säfte, gleichsam eine innere Anschauung, die allesSittliche in leiblichen Prozessen, alles Leibliche in sittlichen Zusammen-hängen geistig lebhaft fühlt und wahrnimmt.

Als Philosoph wird Poseidonios endlich zum Politiker. Er hat sich nicht um-sonst die Stätte seiner bürgerlichen Existenz in freier Wahl ersehen. Im aristo-kratischen Rhodos findet der Syrer seine Heimat. Wenn er die Prytanie, dashöchste Amt der Stadt, bekleidet, wenn er in Gesandtschaften nach Rom geht,

89